„Bekennen heißt für etwas einstehen“

Junge Kirche Nürtingen begab sich auf die Spuren des bekennenden Oberlenninger Pfarrers Julius von Jan

Steffen Seischab sprach in der Versöhnungskirche Foto: Schäfer

16.11.2018, Von Stefanie Heimann

Jugendliche und Erwachsene hatten am vergangenen Freitag, dem geschichtsträchtigen 9. November, in der Nürtinger Versöhnungskirche die Gelegenheit zu einem Einblick in die Geschichte von Nürtingen und seinem Umland während der Zeit des Nationalsozialismus.

NÜRTINGEN. Vor 80 Jahren wehten in Nürtingen die Hakenkreuzfahnen. Die reichsweite Pogromnacht am 9. November 1938 war auch in Nürtingen und Umgebung Auftakt schrecklicher Verbrechen an Jüdinnen und Juden. Die Synagoge in Cannstatt, das Gotteshaus der Nürtinger Juden, wurde in dieser Nacht zerstört und herausgerissene Torarollen trieben im Neckar bei Tübingen.

Das prangerte fast niemand öffentlich an im Raum Nürtingen – im Gegenteil, dort wohnten viele begeisterte Nationalsozialisten. Julius von Jan war damals Pfarrer von Oberlenningen, und als Einziger stellte er am darauf folgenden Buß- und Bettag in seiner Predigt öffentlich die Frage: „Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft: ‚Tut niemand Gewalt und vergießt nicht unschuldig Blut!‘“ Julius von Jan verschwieg auch nicht die Antwort: „Gott hat solche Männer gesandt. Sie sind entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht.“

Die Verlesung der denkwürdigen und mutigen Predigt vom 16. November 1938 durch Jugendreferent Thomas Volle bildete die Eröffnung der Veranstaltung der Jungen Kirche „Nova“ in der Versöhnungskirche, die zahlreiche jüngere und ältere Zuhörer an diesem Abend besuchten. Eingeladen durch seinen ehemaligen Schüler Tim Schäfer, der sich beim Projekt Nova engagiert, zeichnete Historiker Dr. Steffen Seischab das Leben Julius von Jans und die Ereignisse im Jahr 1938 in Oberlenningen nach. Umrahmt wurden die Vortragsteile durch Friederike Heimann an der Violine, die mit einer Partita von Johann Sebastian Bach die Stimme von Jans verstärkte.

Was die Zuhörer im Nachgang besonders beschäftigte: Man konnte, wie von Jans Predigt zeigt, durchaus vom verbrecherischen NS-System der Konzentrationslager wissen. Ausgerechnet aus Nürtingen stammten die NS-Schlägertrupps, die in inszenierter Volksempörung einige Tage später in Oberlenningen in mehreren Bussen und Fahrzeugen einrückten und den Pfarrer in Schopfloch aus der Bibelstunde zerrten. Die Gruppe von mehr als hundert SA-Leuten schlugen ihn stundenlang brutal zusammen, warfen ihn anschließend auf ein Dach und beschimpften ihn als „Judenknecht“.

Die Oberlenninger waren in dieser Zeit hingegen gehalten, in ihren Häusern zu verbleiben. Von Jan musste als Folge seines offenen Worts eine mehrmonatige Haft in Kirchheim und Landsberg verbüßen und wurde in eine Strafkompanie an der Front eingezogen. Die Kirchenleitung in Stuttgart handelte nicht so, wie man es sich heute wünschte. In einer Erklärung hieß es, dass Pfarrer von Jan in seiner Polemik zu weit gegangen sei. Landesbischof Wurm, der ja zum Beispiel in der Euthanasiefrage gegenüber den Nationalsozialisten durchaus Mut gezeigt hat, hat später schwer daran getragen, dass man Pfarrer von Jan nicht stärker unterstützt und sich mutiger vor ihn gestellt habe. Die Einsicht, dass die meisten Glaubenden nicht in ähnlicher Weise wie Julius von Jan damals Verfolgte verteidigten und ihren Glauben bekannten, führte nach Kriegsende zur Formulierung der Stuttgarter Schulderklärung von 1945 vor Vertretern des sich formierenden Ökumenischen Rats der Kirchen. Sie wurde zum geistlichen Fundament der Evangelischen Kirche in Deutschland nach dem Dritten Reich. Pfarrer Markus Frank verlas den Text, der mit der eindringlichen Bitte um den Schöpfergeist endet: „Veni creator spiritus!“ Der Geist, der Mut zum Bekennen und zur Solidarität mit Schwachen gibt – dieser Geist ist auch für unsere Gesellschaft heute, achtzig Jahre nach der Reichspogromnacht, vonnöten.

Info
Julius von Jan
Julius von Jan wird 2018 für sein offenes Eintreten gegen die Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Die Gemeinde in Oberlenningen wird unter Mitwirkung der Landeskirche zu diesem Anlass am 20. Oktober 2019 eine Gedenkfeier veranstalten.