Von Wut, Mut und Verwandlung

Dekan Waldmann sprach beim Gottesdienst in der Stadtkirche auch hinsichtlich des Umgangs mit Flüchtlingen klare Worte. Foto: Erika Kern

Beim Eröffnungsgottesdienst des Bezirkskirchentags in der Nürtinger Stadtkirche sprach Dekan Michael Waldmann.
Unschwer ist der Frosch mit der Krone in Form des Buchstaben M, der zurzeit auf Plakaten in und um Nürtingen zum Bezirkskirchentag einlädt, als eine Anspielung auf das Grimmsche Märchen vom Froschkönig zu erkennen. Das „Fest des Glaubens“ unter dem Motto „zuMUTung“ begann gestern mit dezentralen Eröffnungsgottesdiensten im Kirchenbezirk.

Nürtinger Zeitung - Helmuth Kern

 

Das Motto soll deutlich machen: aus Zumutungen können Mut und Verwandlung entstehen. Der Bezirkskirchentag endet am nächsten Sonntag mit einem zentralen Schlussgottesdienst in Nürtingen.

In der Nürtinger Stadtkirche feierte Dekan Michael Waldmann mit der Gemeinde am gestrigen Sonntag einen der vielen Eröffnungsgottesdienste mit Abendmahl, deren Ablauf im Bezirk – Lieder und Gebete, Schriftlesung und Predigttext – überall gleich war: Zeichen der Verbundenheit in der Vielfalt der Gemeinden.

Zeitungsnachrichten, als Impuls von zwei Sprechern (Michael Čulo und Markus Münzenmayer) und einer Sprecherin (Irene Waldmann) vorgetragen, machten solche „zuMUTungen“ deutlich: Armut von Kindern und Familien, Tod von Obdachlosen, Schließung von öffentlichen Bädern, Antisemitismus, unbezahlbare Mieten und Tagesmütter, die nicht einmal den halben Mindestlohn bekommen. „Zumutungen gehören zu unserem Leben, jede und jeder kennt sie. Deshalb reden wir auch beim Bezirkskirchentag darüber. Und wir loben Gott. Denn er macht uns Mut, uns den Zumutungen und Herausforderungen unseres Lebens zu stellen“, sagte Waldmann in seiner Begrüßung. Auch die Schriftlesung – die Heilung des nach seiner Vision erblindeten Saulus und seiner Verwandlung zum Paulus, dem Christenverkünder – thematisierte dies.

Der Predigttext aus seinem Brief an die Gemeinde in Philippi (Makedonien) sei ein mahnender Text: „Einheit, Eintracht, Einmütigkeit, Demut, Ermahnung, Trost der Liebe, Verzicht“, ein Text voller Zumutungen. Beispiele, wo Einheit, Einmütigkeit und Eintracht in der Kirche auch vor Ort nicht funktionieren, sprach er deutlich an. Auch die Mahnung zur Demut und das Hintanstellen des eigenen Vorteils sei nicht mehr zeitgemäß. Zumutungen könnten Wut auslösen; diese würde oft hinuntergeschluckt, denn: Demut sei als christliche Tugend gefordert. Sein nächster Gedanke lässt aufhorchen: Es geht um die Bedeutung der Wut für den Mut. „Aus Zumutung soll und kann Mut entstehen, vielleicht auch über den Umweg der Wut.“ Das Märchen vom Froschkönig mache das deutlich. Voller Wut werfe die Königstochter den ekligen Frosch an die Wand und das erst führe zur Verwandlung in den hübschen Königssohn.

In den Mutmachimpulsen der Zumutungen von Paulus, in dessen Aufruf zur Einheit, Eintracht und Einmütigkeit, stecke die Erkenntnis, „dass der Heilige Geist diese Einheit in Christus längst gewirkt hat“. Um Einheit in der Vielheit, die Gemeinschaft der Verschiedenen gehe es und diese Gemeinschaft sei bereits da. Dass andere anders seien, das sei ein Grund zu Freude. Der Trost, von dem Paulus schreibe, sei kein „Zuckerguss über die Nöte der Welt“, kein schönredender Trost, sondern ein Trost, der befreie. Damals wie heute gehe es um die gemeinsame Ausrichtung des Lebens auf Jesus. Dieser stehe für Demut, Achtung des Nächsten und Hintanstellen eigener Interessen. Das seien Zumutungen, die zu einer anderen, einer neuen Welt mit neuen Werten führen könnten – auch zu einer Gemeinde als einem Ort, an dem man sich als geliebt und geachtet erlebe.

„Wir fordern eine solidarische Aufnahme von Schutzsuchenden in der EU statt nationaler Abschottung“

Dekan Michael Waldmann


Mutmachend sei zum Beispiel die Gemeinwohlökonomie. Nachhaltigkeit, Ökologie, Solidarität, Transparenz, Beitrag zum Gemeinwesen und anderes mehr würden am Ende in einer Bilanz gewichtet. Eine positive Gemeinwohlbilanz führe zu einer Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes. Eine negative zu deren Erhöhung.

Auch die Bereitschaft vieler Menschen, sich für Flüchtlinge einzusetzen, sich mutig gegen eine Politik zu wehren, die Schutz suchenden Menschen die Aufnahme verweigert, mache Mut. Mit klaren Worten artikulierte Waldmann die Forderungen von Kirche und Gemeinde: Keine Zurückweisung von Schutzsuchenden an der europäischen Grenze, keine Zwischenlagerung von Schutzsuchenden vor Europas Grenzen. „Wir fordern eine solidarische Aufnahme von Schutzsuchenden in der EU statt nationaler Abschottung.“ Im Umgang mit Flüchtlingen zeige sich die Verlässlichkeit des Versprechens Europas, die Menschenrechte einzuhalten.

Zumutungen könnten in Mut verwandelt werden. Das Kreuz sei eine Zumutung, doch zugleich auch mutmachendes Hoffnungszeichen für Christen. Für sie sei es Zeichen, dass in ihm das Leben gewonnen habe; es gehe um Verwandlung des Todes in das Leben. „Wut verwandelt sich in Mut, Zumutungen in Halt, Streit in Frieden, Traurigkeit in Hoffnung, Angst in Vertrauen.“ Das sei das Projekt als Kirche, als Gemeinde: „Christus als Vorbild, starke Menschen in Demut, stolze Menschen in der Achtung vor dem Anderen, wertvolle Menschen in der Sorge um den Nächsten. Gemeinsam unterwegs.“ Diese Gemeinsamkeit umschließe Gemeinde, Kirchenbezirk, Landeskirche und die weltweite Kirche.

Ehe dann die Delegierte aus der Gemeinde Altdorf, Doris Zeitler, den Bezirkskirchentag eröffnete und auf dessen reichhaltiges Programm hinwies, wurde der Predigttext in einer kleinen Geschenkaktion zu einem persönlichen Gruß der Besucher untereinander. Jeder riss aus dem ausgeteilten Blatt mit dem Predigttext ein MUT-Wort heraus und gab dieses weiter.

„Weltmeisterlich“ musizierte Bezirkskantor Michael Čulo an Orgel, Cembalo und Flügel. Ob bei einem Andante von Edward Elgar oder Sätzen aus den Goldberg-Variationen von Bach, beim Abendmahl und zum Ausgang oder bei der Begleitung des Gemeindegesangs.

Eine Zumutung war dieser Eröffnungsgottesdienst keineswegs – im Gegenteil: ein mutmachender Beginn des Bezirkskirchentages 2018.