Denkwürdiger Auftritt von Samuel Koch in Nürtingen

Samuel Koch (Mitte) mit Samuel Harfst und seiner Assistentin, die er als Anka vorstellte. Fotos: Just

Der Liedermacher und Sänger Samuel Harfst mit Band

Nürtinger Zeitung: Volker Haussmann

Bemerkenswerte Konzertlesung mit Samuel Koch und Samuel Harfst in der Nürtinger Stadthalle

In Zeiten permanenter Bedrohung durch ein potenziell tödliches Virus und den damit verbundenen Sorgen und Ängsten tut es gut, einem Menschen zuzuhören, der im Leben ganz tief gefallen ist und der sich trotzdem nicht unterkriegen ließ. Samuel Koch ist ein Mutmacher. Einer, der weiß, was es heißt, mitten im Leben wieder bei Null anfangen zu müssen. Der weiß, wie es ist, wenn einem nichts anderes übrig bleibt, als sich mit einer komplett neuen Lebenssituation abfinden zu müssen und notgedrungen das Beste draus zu machen. Mit dem Zuruf „Steh auf, Mensch!“ hat er sein drittes Buch betitelt. Darin geht er der Frage nach: „Was macht uns stark?“ Am Mittwoch stellte Samuel Koch in der Stadthalle Passagen aus seinen Büchern vor.

Seit Monaten stand der Termin der Veranstaltung fest. Trotz zeitweise ungewisser Aussichten, ob die von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde initiierte Konzertlesung mit Samuel Koch und Samuel Harfst coronabedingt stattfinden kann, wurde sie nicht wie so viele andere Veranstaltungen schon vor Wochen abgesagt. Das Interesse war dementsprechend groß, vor der Nürtinger Kulturbühne waren allerdings nicht mehr als 99 Besucher zugelassen. Erfreulicherweise haben sich die auftretenden Künstler bereit erklärt, zwei Veranstaltungen hintereinander zu geben – wegen des Regens dann allerdings im Großen Saal der Stadthalle.

Samuel Kochs Schicksal bewegte die Nation

Wer den Namen Samuel Koch nicht mehr parat hat, erinnert sich sehr wahrscheinlich noch an die „Wetten, dass . . ?“-Sendung vom 4. Dezember 2010, in der ein junger Mann bei einer akrobatischen Wette so unglücklich stürzte, dass er danach vom Hals an abwärts gelähmt war. Samuel Koch war damals 23 Jahre alt, ein Kunstturner in der Blüte seiner Jahre. Sein grausames Schicksal bewegte die Nation. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus verfolgte er seinen Plan, Schauspieler zu werden, weiter. Er schloss sein bereits begonnenes Schauspielstudium ab und arbeitet seit Jahren als Schauspieler auf der Bühne und beim Film. Seit vier Jahren ist er mit einer Schauspielerin verheiratet. Erfreulicherweise kann er mittlerweile seine Arme wieder bewegen.

Vor sieben Jahren ging Samuel Koch zum ersten Mal mit Samuel Harfst auf Tournee. Der Sänger und Liedermacher hat sich mit seinen einfühlsamen Songs in der christlichen Popszene einen Namen gemacht und ergänzt mit seinen empfindsamen Balladen Kochs unter die Haut gehenden Lebensbetrachtungen aufs Trefflichste. Harfst hatte einige neue Lieder im Gepäck, begleitet wurde er von Dirk Menger (Cello und Keyboards) und David Harfst (Schlagzeug).

Bei den Konzertlesungen mit Samuel Koch kommt Harfst auch die Rolle des Gesprächspartners und Stichwortgebers zu. Lässig sitzen die beiden in voluminösen Ohrensesseln auf der Bühne und unterhalten sich zwanglos über dies und jenes. Das hat einen Touch von Talkshow und eröffnet Harfst zudem die Möglichkeit, so nebenbei von seinen neuen Songs oder seinen kürzlich abgehaltenen Autokonzerten zu erzählen, während Koch philosophierend Einblicke in seine Gedankenwelt gibt. Darüber hinaus führt das durchaus unterhaltsame Geplauder scheinbar beiläufig auf die nächste Lesung hin.

Kochs Texte sind alles andere als leichte Kost. Dieser Mann wurde in der Blüte seiner Jahre aus einem Leben gerissen, in dem alles wie am Schnürchen lief. Mühsam musste er das Leben – ein komplett anderes Leben, zumal – neu lernen. Dass er zwar stets bemüht war und immer noch ist, aus dieser persönlichen Katastrophe das Beste zu machen, bedeutet für ihn nicht, das Ganze nach dem Motto „Alles halb so schlimm“ klein zu reden. Es ist schlimm, sehr schlimm, und das macht er auch unmissverständlich deutlich, wenn er zum Beispiel sagt: „Wir gehen davon aus, dass das Leben gut laufen sollte. Aber das Leben ist eine Aneinanderreihung von Schwierigkeiten.“

In seinen Texten hat Koch seinen Befindlichkeiten nachgeforscht, seine Gedanken über das Leben im Allgemeinen und im Besonderen niedergeschrieben. Dabei bedient er sich nicht selten des Stilmittels der Allegorie, kleidet eine unangenehme Wahrheit in eine harmlos klingende Geschichte. Oder er erzählt in bewundernswert nüchternem Tonfall von seinem „Neustart“, wie er es nennt, und wie er durch seinen Unfall „auf die Werkseinstellungen zurück“ gesetzt worden sei. Wichtig sei, irgendwann einen Schlussstrich zu ziehen. „Es lohnt sich, sich durchzubeißen.“

„Dass die Welt grausam ist, weiß ich nicht erst seit meinem Unfall“, schreibt Koch. Auf der Welt gebe es viele Menschen, denen es schlecht gehe. „Wenn es Gott gibt, warum lässt er das alles zu?“, habe er sich gefragt. Bei seiner Reha in der Schweiz habe er dann geahnt, „dass es ihn gibt“. „Ich fühlte mich einsam und unverstanden, saß im Rollstuhl, hatte Schmerzen, war frustriert, alle Träume geplatzt. Wohin sollte ich mich sonst wenden als an Gott?“ Und als er dann endlich wieder habe frei atmen können, zum ersten Mal nach Wochen wieder einen Blick auf die Welt draußen habe werfen können, „da verspürte ich Freude, die von innen heraus kam“, einen inneren Frieden. „Ich arrangiere mich mit meiner Situation und hoffe auf Gott. Denn was war, ist für immer vorbei.“ Er werde „weiter wach und abenteuerlustig vorwärts rollen“, kündigte er abschließend an.

Mit zwei Zugaben von Samuel Harfst endete die denkwürdige Nachmittagsveranstaltung. Wem Samuel Kochs vorgetragene Texthäppchen Appetit auf mehr gemacht hatten, der wurde im Hinausgehen noch bei einem gut bestückten Bücherstand fündig.