In göttlicher Mission

Sechs Religionsgemeinschaften lernen sich im Martin-Luther-Hof gegenseitig etwas besser kennen

Jede der sechs Religionsgemeinschaften hatte einen Informationsstand aufgebaut. ©pd

25.11.2019 05:30, Von Peter Dietrich

Im Dezember 2018 haben Vertreter von sechs Religionsgemeinschaften das „Nürtinger Grundlagenpapier zum interreligiösen Dialog“ unterzeichnet. Sie wollten miteinander reden, nicht übereinander. Nun lernten die Teilnehmer eines Treffens im Martin-Luther-Hof viel Neues darüber, was die anderen glauben und wie sie ihren Glauben praktizieren.

NÜRTINGEN. Das Interesse war größer als erwartet, der Melanchthonsaal voll, und einige Zuhörer saßen bei offener Tür im Foyer. Geplant war, dass jede Religionsgemeinschaft das Buffet mit Essen für zehn Gäste bestückt. Dabei kalkulierten alle so großzügig, dass es auch für deutlich mehr Gäste reichte.

Den Abend eröffneten Alper und Cagla Altundas mit der Langhalslaute (Saz) in zwei Größen. Mit der Liebe zu Gott, sagte das alevitische Ehepaar, sei es gar nicht so einfach – der Mensch werde sein Leben lang auf die Probe gestellt. Die beiden beendeten später auch die Begegnung und ein Mitglied der Mevlanamoschee gestand, wie sehr ihn der Gesang berührt hatte. „Schade, dass man das nicht recht ins Deutsche übersetzen kann.“

Diese Wertschätzung kann nur einordnen, wer den tiefen Konflikt zwischen den Aleviten und anderen Muslimen kennt. Er begann mit der Frage, ob Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, dessen Nachfolger ist. Mohammed selbst habe ihn dazu bestimmt, sagen die Aleviten gemeinsam mit den Schiiten. Für die Sunniten, die weltweit rund 90 Prozent der Muslime stellen, hat jedoch Abu Bakr diesen Anspruch.

In der Türkei, sagte der alevitische Geistliche Ali Koleri, gebe es rund 20 Millionen Aleviten. Dass sei zu wenig, um vom Staat als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, er wolle die Aleviten türkisieren. In Deutschland gebe es rund 800 000 Aleviten, die Nürtinger Gemeinde habe etwa 170 Mitglieder.

Die Mevlanamoschee wurde von Nese Yilmaz vorgestellt. Sie beschrieb das Zeitalter Mohammeds, das nach Veränderung rief, als dunkle „Zeit der Vielgötterei und der Standesfeindschaften. Sklaven, Frauen und Waisenkinder litten“. Bis heute gebe es im Islam eine starke Tradition des Auswendiglernens, sogar des gesamten Korans. Eine erstaunliche Leistung – man stelle sich vor, ein Christ könnte zumindest das Neue Testament und die Psalmen auswendig.

Gibt es bei den Protestanten zwei Sakramente, Taufe und Abendmahl, sind es bei den Katholiken sieben, es kommen noch die Firmung, die Ehe, die Priesterweihe, die Krankensalbung und die Beichte hinzu. Die Neuapostolische Kirche liegt mit drei Sakramenten dazwischen: die Heilige Wassertaufe, die Heilige Versiegelung und das Heilige Abendmahl. Auf der Oblate für das Abendmahl sind drei kleine Punkte zu sehen, dies ist der bereits aufgebrachte Wein.

Die weltweit gut neun Millionen Mitglieder der Neuapostolischen Kirche glauben beim Abendmahl an die Realpräsenz Christi, kennen aber keine dauerhafte Wandlung wie die Katholiken, es gibt deshalb kein Tabernakel zur Aufbewahrung der bei der Messe übriggebliebenen Hostien. Diese Kirche kennt keine Kirchensteuer, es gibt nur Opfer, die nicht kontrolliert werden, der Maßstab ist der Zehnte des Einkommens. Die Neuapostolische Kirche hat einen mutigen Öffnungsprozess durchlaufen: Früher völlig für sich, ist sie heute Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK).

Wer als katholischer Priester in göttlicher Mission unterwegs ist, braucht seinen „Agentenkoffer“: Pastoralreferent Marcel Holzbauer präsentierte den Messkoffer mit einem Fläschchen Weihwasser und allem anderen Nötigen. Zum Weihrauchschnuppern ging er mit Besuchern hinaus auf den Hof und bewies Humor: „Das Weihrauchfass ist bei jedem Gottesdienst dabei. Es wird Zeiten geben, in denen wir wegen Feinstaub verklagt werden.“

Humor bewies auch Jürgen Hofmann, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK). Als die Methodisten im 18. Jahrhundert in England als Studentenbibelkreise begannen, habe es für sie zwei Spottnamen gegeben, „Bibelmotten“ und „Methodisten“. „Ich bin froh, dass sich der zweite Namen gehalten hat.“ Die weltweit rund 80 Millionen Methodisten betonen die Gnade Gottes, zum Abendmahl gibt es keine Voraussetzungen. Aber die Annahme durch Gott hat persönliche und soziale Konsequenzen, was sich bei den Methodisten in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Entwicklungshilfeprojekten äußert. Verstand und Weitherzigkeit sind wichtig, Hofmann zitierte den Gründer John Wesley, der jenseits von christlichen Kernfragen stets betonte: „Denken und denken lassen.“

Warum trägt der evangelische Pfarrer einen Talar? Das lernten die Zuhörer von Dekan Michael Waldmann: Es ist das Gelehrtengewand früherer Zeiten. Frauen dürfen es erst seit ein paar Jahrzehnten tragen, erst seitdem gibt es Pfarrerinnen. Wer also auf andere Glaubensgemeinschaften schaut und von ihnen in manchen Punkten eine „Reformation“ erhofft, möge bedenken, dass manche Schritte der Modernisierung im eigenen Verein noch gar nicht so lange her sind. Respekt erfordert Wissen: Irgendetwas Neues hat an diesem Abend jeder gelernt – ob nun von der inhaltlich eher fernen Religionsgemeinschaft oder von der gleich nebenan.