Nürtinger Vorleseprojekt für ältere Menschen: Das Buch als Brückenbauer

In Nürtingen startet Vorleseprojekt für ältere Menschen – Auftakt für Interessierte mit Literaturpädagogin Barbara Knieling

Hoffen auf großes Interesse am Projekt „Besuch mit Buch“: von links Katja Seidel, Monika Petsch, Jürgen Kehrer und Bettina Löffler Foto: jh

19.03.2021 05:30, Von Anneliese Lieb

„Besuch mit Buch“ haben die Stadtbücherei Nürtingen und das Forum 55plus des evangelischen Kirchenbezirks Nürtingen ihr Projekt überschrieben. Ein Vorhaben mit sozialer Dimension für die Stadtgesellschaft, von dem ältere Menschen genauso profitieren wie die ehrenamtlichen „Vorleser“. Den Auftakt macht ein Seminar mit Literaturpädagogin Barbara Knieling.

NÜRTINGEN. Die Stadtbücherei beobachtet seit Jahren eine Zunahme von Nutzern in der Altersgruppe der über 60-Jährigen. Das liege zum einen im demografischen Wandel begründet, sagt Bibliothekarin Katja Seidel, zum anderen werde die Bücherei als Lern- und Kommunikationsort wahrgenommen.

Parallel dazu hat man beim Forum 55plus des evangelischen Kirchenbezirks Nürtingen festgestellt, dass sich die Einsamkeit älterer Menschen verstärkt. „Häufig wohnen die Kinder weit weg und die sozialen Kontakte nehmen ab“, stellt Monika Petsch fest. Auch der Personenkreis, der den Besuchsdienst der Kirchengemeinden über viele Jahre getragen hat, wird älter. Vor diesem Hintergrund haben die Stadtbücherei und das Forum nach einem neuen Format gesucht, das die älteren Menschen als Zielgruppe im Auge hat, gleichzeitig aber auch Bürgerinnen und Bürger anspricht, die den „Besuch mit Buch“ gerne übernehmen möchten. Unterstützung zugesagt hat auch der Landeskirchliche Besuchsdienst, der hier ein Modellprojekt im Entstehen sieht, das später auch andere Kirchengemeinden im Land als Modellprojekt übernehmen könnten , so die Intention von Landesreferent Jürgen Kehrer.

„Bücher haben eine Brückenfunktion“ sagt Monika Petsch. Beim Vorlesen schenkt man seinem Gegenüber Zeit und Aufmerksamkeit und regt zum Zuhören und Erzählen an. Eine Erfahrung, die Marion Löffler bestätigt. Die Nürtingerin ist seit vielen Jahren beim Vorlesenetzwerk engagiert. Als erfahrene Vorleserin zieht sie Kita- und Schulkinder genauso in ihren Bann wie ältere Menschen im Dr.-Vöhringer-Heim.

Vom „Besuch mit Buch“ profitieren beide Seiten

Damit Vorlesen zur Win-win-Situation wird, haben Stadtbücherei und das Forum 55plus die Literaturpädagogin Barbara Knieling für ein Seminar am 17. April gewonnen. Die gelernte Buchhändlerin und Erwachsenenbildnerin zeigt, auf was es beim Vorlesen ankommt. Auswahl, die Wirkung und die Grundlagen und Techniken beim Vorlesen stellt sie vor. Einen ganzen Vormittag lang können sich Interessierte auf die verschiedenen Facetten beim Vorlesen einlassen und dann entscheiden, ob sie beim Projekt „Besuch mit Buch“ dabei sein möchten.

„Mit unserem Projekt wollen wir auch Menschen außerhalb des kirchlichen Umfeldes ansprechen“, sagt Katja Seidel. Dieses niederschwellige Bibliotheksangebot ermögliche die soziale und kulturelle Teilnahme und Teilhabe jedes Menschen an der Gesellschaft und trage so auch zur Inklusion bei.

Ihrem Bildungs-, Informations- und Kulturauftrag kommt die Stadtbücherei Nürtingen seit Jahren in ganz unterschiedlichen Bereichen nach. Ein Baustein ist das Vorlesenetzwerk Nürtingen, das seit Langem ehrenamtliche Lesepaten an Kindergärten vermittelt und sie begleitet. Schöne Erfahrungen, von denen auch Bettina Löffler als Vorleserin berichten kann.

Um den „Besuch mit Buch“ realisieren zu können, werden Ehrenamtliche gesucht, die sich hier in ihrer Freizeit gerne einbringen. „Mit einem kostenlosen Bibliotheksausweis, kompetenter Beratung bei der Medienauswahl, der Anschaffung eines zielgruppenspezifischen Medienangebots oder Begleitung bei Fortbildung“, so Bibliothekarin Seidel, werde die Stadtbücherei die Ehrenamtlichen unterstützen und begleiten.

„Unser Ziel ist, dass es für beide Seiten ein Gewinn ist“, sagt Monika Petsch. Die älteren Menschen können sich auf einen Besuch und interessante Gespräche über Bücher freuen und die Vorleser profitieren von der Begegnung auf Augenhöhe mit interessanten Menschen und deren Lebensgeschichten. „Und man bekommt ganz viel Input über das Alter“, weiß die Diakonin aus ihrer Arbeit im Forum 55plus. „Vorlesen beugt der Sprachlosigkeit vor und ist daher die beste Gesundheitsprophylaxe.“ Der Vorteil eines „realen“ Vorlesers oder einer Vorleserin gegenüber einem Hörbuch oder Radiohören sei die Begegnung und den gemeinsame Austausch, nennt Petsch einen wichtigen Aspekt des ehrenamtlichen Engagements. Bettina Löffler zum Beispiel bringt zur Lektüre passende, sinnlich erfahrbare „Utensilien“ mit. Dadurch ergibt sich zusätzlicher Gesprächsstoff.

Literaturpädagogin Barbara Knieling gibt Anregungen

„Dass die Umsetzung der Idee in Coronazeiten angeht, hoffe ich im Sommer auf Terrassenbesuche“, sagt Monika Petsch. Auch die Schnelltests, wie sie bei Besuchen in den Heimen praktiziert und die ja an vielen Orten schon kostenlos angeboten werden, sieht sie als Chance. „Mitbringen sollten die Vorlesementoren Offenheit und Kontaktfreudigkeit, Wertschätzung für ältere Menschen, Interesse an persönlichen Lebensgeschichten, Lesefreude und Interesse an Büchern sowie an gesellschaftlichen Entwicklungen und Zeitgeschichte.“

Die weitere Dimension des Projektes sei zudem der Auftrag der Bibliotheken, neue Medien, Medienformen und die Nutzung neuer Kommunikationstechnologien, wie zum Beispiel die Benutzung eines E-Book-Readers zu vermitteln, um die „digitale Kluft“ zwischen den Generationen zu verkleinern oder stückchenweise zu überwinden. „In Zukunft werden die Kenntnisse darüber Voraussetzung für kulturelle und soziale Teilhabe sein“, sagt Katja Seidel.

Begeistert von der Idee „Besuch mit Buch“ ist auch Jürgen Kehrer. Als Referent der Evangelischen Landeskirche weiß er um die Bedeutung des Besuchsdienstes. „Ein spannendes Vorhaben, mit dem man in das Gemeinwesen hineinwirkt“, ergänzt der Diakon, der Nürtingen aus seiner früheren beruflichen Tätigkeit kennt und sich freut, dass hier das Forum und die Stadtbücherei an einem Strang ziehen.

Geplant ist das Seminar „Vorlesen für ältere Menschen“ mit Barbara Knieling am Samstag, 17. April, von 9 bis 13 Uhr im Gemeindezentrum der Versöhnungskirche. Falls bis dahin noch keine Präsenzveranstaltungen möglich sind, wird das Seminar auf den 3. Juli verschoben.

Anmelden zum Seminar sollten sich interessierte Ehrenamtliche bis 31. März mit Name, Adresse und Telefonnummer bei Monika Petsch unter Telefon (01 51) 46 16 07 17 oder per Mail an petsch@evkint.de. Sie informiert auch, ob der Termin am 17. April stattfindet.