Barocke Lebensfreude statt Corona-Blues

Bezirkskantor Hanzo Kim spielte „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi in der Fassung für Orgel in St. Laurentius

Hanzo Kim an der Goll-Orgel der Stadtkirche St. Laurentius Foto: Driess

 20.10.2020, Von Hans-Günther Driess

NÜRTINGEN. Vivaldi mal anders! „Die vier Jahreszeiten“ gehören in der Originalfassung zu den bekanntesten Violinkonzerten. Antonio Vivaldi veröffentlichte das Werk im Jahr 1725 mit den Überschriften „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“. Der neue Nürtinger Bezirkskantor Hanzo Kim wagte am Samstag das Experiment, die weltberühmte Komposition in einer Fassung für Orgel zu präsentieren. Die Zuhörer waren beeindruckt und erfreuten sich an dem außergewöhnlichen Orgelkonzert. Die Fröhlichkeit der Musik setzte einen Kontrapunkt zum „Corona-Blues“ dieser Tage und der Organist ließ die barocke Lebensfreude und das südländische Temperament des berühmten venezianischen Komponisten mit den schönsten Klangfarben seiner Goll-Orgel ins Kirchenschiff strömen.

Die Orgelbearbeitung von Grimm kommt dem Original recht nah

Dem Werk liegt ein Text in Form von Sonetten zugrunde. Die von Vivaldi selbst verfassten Gedichte sind zum Verständnis der Musik im Programmheft abgedruckt. Hanzo Kim gelingt es, mit differenzierter Registrierung Effekte wie Vogelstimmen, Regentropfen, klirrendes Eis im Winter, Blitz und Donner im Sommer naturgetreu wiederzugeben. Die Orgelbearbeitung von Heinrich E. Grimm kommt dem Original an manchen Stellen recht nah, überholt Vivaldi sogar. So wirkt die Jagdszene im dritten Satz des „Herbstes“ auf der Orgel sogar authentischer; denn in einer Streicherbesetzung fehlen die Hörner, die unbedingt zur Jagdmusik gehören. Der Organist zieht hier mit Krummhorn und Posaune Register, die Trompetenstöße der Jagdgesellschaft trefflich imitieren. Auch die Dudelsackklänge in der Begleitung des Allegros beim „Frühling“ ahmt Hanzo Kim hervorragend nach.

Mit hellen Klängen eröffnet der „Frühling“ („La primavera“) im strahlenden E-Dur den musikalischen Reigen. Das weltbekannte Thema wird zunächst im Forte kraftvoll intoniert und dann durch Manual-Wechsel im Stil der barocken Terrassendynamik im Piano wiederholt. Das Durcheinanderzwitschern verschiedener Vogelarten wird ebenso plastisch dargestellt wie das Murmeln der Quellen und sanfte Winde, ehe plötzlich ein Frühlingssturm mit Blitz und Donner losbricht, was durch einen mächtigen Orgelklang mit Dominanz des dröhnenden Pedalwerks verdeutlicht wird.

Im Kopfsatz von „L’estate“ (Der Sommer) sind die matten, schleppenden Akkorde des Themas als Darstellung extremer Hitze nachvollziehbar. Das von Hanzo Kim gewählte Tempo ist hier etwas zu schnell, um die für Mensch und Tier qualvolle Situation der Schwüle widerzuspiegeln. Die Seufzer-Motive in der Melodie können so ihre Wirkung nicht entfalten. Ein gewaltiges Gewitter fegt im Finale die Hitze mit brutaler Gewalt hinweg. Virtuose abwärts rasende Tonleitern zur Darstellung des flammenden Infernos, wilde Akkordbrechungen und Tonrepetitionen sind die dramatischen Elemente des alles vernichtenden Orkans. Der Organist bewältigt in bewundernswerter Weise die schwierigen Passagen, wo beide Hände und Füße und nicht zuletzt die Synapsen im Gehirn Schwerstarbeit zu verrichten haben. Mit den temperamentvollen Tanzsätzen im „Herbst“ lässt Kim durch flottes Spiel und helle Register wieder die Fröhlichkeit triumphieren.

Besonders beeindruckend ist die Musik im vierten Konzert „L’inverno“ („Der Winter“). Mit dem ständig wiederholten dissonanten Staccato-Akkord wird sofort eine kältestarre, zitternde Atmosphäre erzeugt. Laut Vivaldi wird auch Füßestampfen und durch Beschleunigung auf Sechzehntel sogar Zähneklappern abgebildet.

Die wunderschöne Melodie des Mittelsatzes gibt Hanzo Kim dem Oboen-Register und die Begleitung in gebrochenen Akkorden den glucksenden Acht-Fuß-Flöten. Die Musik zeigt die Behaglichkeit und Wärme am Kamin, während „draußen“ der Regen an die Scheibe pocht.

Im dritten Satz zeichnet Vivaldi erneut das Bild des harten erbarmungslosen Winters. Wie entfesselt, aber technisch versiert verdeutlicht der Organist in furiosen Läufen die streitenden Stürme und demonstriert dazu passend die Opulenz seines Instruments durch den vermehrten Einsatz der Zungenpfeifen.

Mit der Zugabe kehrt angenehme Ruhe ein. Die „Sicilienne“ des Impressionisten Gabriel Fauré bildet – fein registriert und mittels Schwellwerkeinsatz dynamisch differenziert – den passenden Schlusspunkt des Orgelkonzerts. Die Zuhörer sind begeistert und belohnen ihren Hausorganisten mit lang anhaltendem Applaus.