Orgelkunst auf höchstem Niveau

Karl Maureen an der Albiez-Orgel der Nürtinger Johanneskirche Foto: Driess

Der Münchener Orgelprofessor Karl Maureen spielte im Rahmen der „Nürtinger Orgelkonzerte“ in der St.-Johannes-Kirche

Nürtinger Zeitung: Hans-Günther Driess

Ein abwechslungsreiches Programm mit Kompositionen von Bédard, Bach, Smith, Satie und Dubois präsentierte der international renommierte Organist Karl Maureen in der Reihe „Nürtinger Orgelkonzerte“ am Samstagabend auf der Albiez-Orgel der St.-Johannes-Kirche. Brillant stellte er dem Publikum in jedem einzelnen Takt seine hohe virtuose Meisterschaft sowie seine stilistische Kompetenz und Professionalität unter Beweis. Maureen bezauberte die Zuhörer durch feinfühliges Spiel und werkgerechte Registrierkunst. Maureen hat dabei bewusst nicht die chronologisch fortschreitende Reihenfolge der Werke vom Barock bis zur Moderne eingehalten, sondern Kontrastierendes aneinandergereiht beziehungsweise aufeinandertreffen lassen.

Zur Person Karl Maureen:

Karl Maureen, Jahrgang 1938, zählt zu den vielseitigsten Organisten der Gegenwart. Mehrere Komponisten widmeten ihm eigene Werke. Er war Leiter des Fachbereichs Orgel- und Kirchenmusik an der Hochschule für Musik in Augsburg und ist als ausgewiesener Kenner der unterschiedlichen europäischen Orgelbaustile Orgelsachverständiger für die Erzdiözese München und Freising, außerdem Autor zahlreicher Artikel in Fachzeitschriften und Jurymitglied bei internationalen Orgelwettbewerben. International beachtete Höhepunkte seines Schaffens sind die mehrmalige Interpretation des gesamten Bach’schen Orgelwerks, darüber hinaus der Gesamtwerke von Mozart, Mendelssohn Bartholdy, Liszt und Franck. Sein Spiel ist dokumentiert bei Rundfunksendern, auf Schallplatte und CD.

In den „Variationen über ‚Sine nomine‘“ des zeitgenössischen Komponisten Daniel Bédard (geboren 1950) ist die Harmonik noch tonal, jedoch werden traditionelle Akkorde kühnen Rückungen unterworfen und mit neutönerischen Klängen angereichert. Das polyphone filigrane Linienspiel der ersten Variation wird von Maureen durchsichtig gestaltet mittels unterschiedlicher Registrierung der Stimmen. Die zweite Variation wirkt mit ihrem weichen ruhigen Klang der Acht-Fuß-Holzpfeifen wie eine Meditation – die Zuhörer genießen dies zum Teil mit geschlossenen Augen. Nach hellen Klängen mit ostinaten Wechselnoten und der Melodie im tiefen Register folgt eine majestätische Prachtentfaltung im vollen Werk.

„Voluntary Nr. 1“ des englischen Komponisten Maurice Green (1695 bis 1755) gleicht mit seinen jubilierenden strahlenden Klängen einem barocken Concerto. Die Musik spiegelt das „Carpe diem“ und die barocke Lebensfreude wider, man hört Anklänge an Händels Wassermusik mit tänzerischem Duktus und „sprudelnder“ Melodik.

Das moderne Orgelstück „Anrufung voller Freude“ des Amerikaners Lany Smith (geboren 1934) schöpft seinen Reiz aus nicht zu bändigenden Tonketten in der rechten Hand, synkopierter Rhythmik und spannungsreicher farbiger Jazz-Harmonik. Karl Maureen hat als Student einige Zeit als Jazzpianist im Orchester von Max Greger gespielt. Seine Begeisterung für den Jazz spürt und hört man.

In der „Partita über ‚Wie schön leuchtet der Morgenstern‘“ hüllt der Komponist Bert Matter (geboren 1937) den altehrwürdigen Choral aus dem Jahr 1597 in ein modernes Gewand. Die Zuhörer kennen die Melodie gut und können daher deren Formteile nachvollziehen, was den Hörgenuss noch verstärkt. Der Organist besticht einmal mehr durch großartige fein nuancierte Registrierkunst, nicht zuletzt bei den dissonanten Klangschichtungen mit dem Tremolo-Effekt.

Einen Höhepunkt des Konzerts bildet die „Toccata über ‚Jubilate Deo‘“ von Alfred J. Silver (1870 bis 1935). Wild ungestümes Brausen erfüllt den Kirchenraum, Jazzakkorde und wilde Melodiefetzen flirren im rasenden Tempo durch St. Johannes und versetzen die Zuhörer in Erstaunen. Der ruhige Mittelteil mit „warmen“ Acht-Fuß-Holzpfeifen und feinen Arpeggien bildet einen wohltuenden Kontrast, ehe in der Reprise die Ekstase des Anfangs zurückkehrt. Fulminant!

Nach der „Partita über ‚Wenn wir in höchsten Nöten sein‘“ von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), der romantischen Komposition „Marcietta“ von Théodore Dubois (1837 bis 1924) und „Gymnopédie“ von Erik Satie (1866 bis 1925) markiert eine Jazzkomposition im Stile der 1920er-Jahre den Schlusspunkt des Konzerts: „Postlude“ von Walter H. Lewis (geboren circa 1870) imitiert eine Kino-Orgel. Bunte Jahrmarkt-Atmosphäre und tanzartige Rhythmik werden in die Kirche transportiert. Das Tutti mit mächtigen Posaunenbässen und ungewöhnlichen Akkordfolgen bringt eine grandiose Schlusssteigerung.

Die Zugabe, ein ruhiges Stück von Franz Bühler (1760 bis 1823) im Stile Mozarts, ist gut gewählt als „Cool down“ für den Nachhauseweg. Das Konzert „Jubilate Deo“ mit Karl Maureen im Rahmen der Nürtinger Orgeltage bot Orgelkunst auf höchstem Niveau!