Der Vesperkirche geht das Geld aus

Nürtinger Sozialausschuss entsprach Zuschussantrag aber nur zum Teil – Einigkeit bei Zuschusserhöhung für Arbeitskreis Leben

Die Vesperkirche ist alljährlich drei Wochen lang gut besucht, doch beklagen die Veranstalter Defizite. Foto: nz-Archiv

22.11.2018, Von Uwe Gottwald

Die Vesperkirche der Evangelischen Kirchengemeinde Nürtingen ist jedes Jahr gut besucht und als gesellschaftliche Institution etabliert. Die Veranstalter verzeichnen jedoch zunehmend Defizite, weshalb dem Kultur-, Schul- und Sozialausschuss des Nürtinger Gemeinderats am Dienstagabend ein Antrag auf 6000 Euro Zuschuss vorlag. Bewilligt wurden 3000 Euro.


NÜRTINGEN. Außer von der Vesperkirche lagen Zuschussanträge von weiteren Institutionen vor. Mit allen hatte sich der Ausschuss bereits im September beschäftigt. Man war sich einig, dass alle Institutionen eine gute und wertvolle Arbeit leisten, die Zustimmung wollten die meisten Fraktionen jedoch abhängig von der allgemeinen Haushaltslage machen.

Und die sieht immer noch nicht rosig aus. Darauf hinzuweisen wird Stadtkämmerin Bettina Schön nicht müde. Für die Jahre 2019 bis 2022 erwartet sie durchweg negative Haushaltsergebnisse, insgesamt rechnet sie für diesen Zeitraum mit einem Minus von 12,5 Millionen Euro im Ergebnishaushalt. Deshalb sollte auch darüber nachgedacht werden, wie die Erträge gesteigert werden könnten. Sie räumte aber ein: „Der kulturelle und der soziale Bereich werden sich nie in größerem Umfang von selbst tragen.“ Und Bürgermeisterin Annette Bürkner relativierte: „Bei den vorliegenden Anträgen handelt es sich nicht um untragbare Summen.“

Für die Ausschussmitglieder hieß es dennoch Farbe zu bekennen, sollten sie doch zu den haushaltsrelevanten Anträgen Empfehlungen für die abschließenden Etatberatungen des Gemeinderats im Dezember geben. Professor Klaus Fischer (Freie Wähler) und Dr. Franz Ackermann (Liberale – Aktive Bürger – FWV ) hatten damit jedoch Probleme, sei doch in dieser Phase der Etatberatungen nicht abzusehen, was gehe und was nicht.

Andererseits wurde das ehrenamtliche Engagement hervorgehoben, das in den Projekten stecke. Bärbel-Kehl-Maurer (SPD): „Das ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.“ Und Olivia von der Dellen (Nürtinger Liste/Grüne) dazu: „Es eröffnet Menschen ganz unterschiedlichen Alters Möglichkeiten zur Mitgestaltung.“ Thaddäus Kunzmann (CDU) stimmte Bürgermeisterin Bürkner zu: „Wir sollten die Kirche im Dorf lassen, es handelt sich um Beträge, die gemessen am Gesamthaushalt kaum ins Gewicht fallen.“ Eine Ausnahme für ihn persönlich sei der Antrag der Vesperkirche.

An diesem entzündete sich denn auch die größte Diskussion. Kunzmann sieht nicht die Stadt, sondern diejenigen in der Pflicht, „die dort eine Mahlzeit für einen Euro einnehmen und es sich eigentlich leisten könnten, mehr zu bezahlen“. Solche karitativen Veranstaltungen mitzufinanzieren sei schon immer Sache der Wohlhabenden gewesen.

Thomas Kress (SPD) hielt dem entgegen, dass dies bereits geschehe, die Spenden jedoch nicht ausreichten. In ihrem Antrag hatte die Kirchengemeinde vorgerechnet, dass den Kosten von 55 000 Euro 16 000 Euro an Essenserlösen gegenüberstünden. Die Lücke werde bereits verringert, durch freiwillige Gaben und aus verschiedenen Spendenaktionen, unter anderem von der Nürtinger/Wendlinger Zeitung. Doch reiche das nicht mehr, weshalb man den Antrag auf einen jährlichen Zuschuss gestellt habe. Auch wolle man den Beitrag nicht erhöhen, es soll ein symbolischer sein und eben auch den weniger Begüterten die Teilnahme ermöglichen. Professor Fischer regte an, eventuell ganz auf den Beitrag zu verzichten und stattdessen dazu aufzurufen, dass jeder geben möge, was er könne. „Da kommt meist mehr als erwartet zusammen“, so Fischer.

Kehl-Maurer hob den Aspekt des Ehrenamts hervor: „Es beteiligen sich auch viele Jüngere bei den Vorbereitungen und der Ausgabe, gerade auch solche Schülerinnen und Schüler, denen das mancher nicht zugetraut hätte.“ Olivia von der Dellen merkte an: „Menschen mit Alltagssorgen können in diesen drei Wochen mal was loswerden oder auch auf andere Gedanken kommen.“

Regine Glück (Nürtinger Liste/Grüne) betonte, bei der Vesperkirche stehe nicht der Gedanke einer Armenspeisung im Vordergrund. „Vielmehr ist es eine Einladung zur Begegnung und Gemeinsamkeit über Grenzen hinweg.“ Julia Rieger (NT 14) hieß das zwar gut, doch gebe es weitere Projekte mit ähnlichem Ansatz, weshalb auch sie Probleme mit einer Bezuschussung habe. Arnulf Dümmel (Liberale – Aktive Bürger – FWV) regte an, ähnlich wie beim Kulturfonds ein Budget mit einem Kriterienkatalog zu bilden, das schaffe mehr Transparenz bei der Bezuschussung und Überblick über die Ausgaben. Kämmerin Schön hält das für möglich.

Weitere Zuschussanträge positiv beschieden

Die Ausschussmehrheit wählte die goldene Mitte. Für den SPD-Antrag auf 6000 Euro Zuschuss stimmten nur die beiden Ausschussmitglieder der SPD und die beiden der Nürtinger Liste/Grüne. Für 3000 Euro stimmte dann eine Mehrheit, bei Gegenstimmen von Rieger, Kunzmann und Michael Brodbeck (Freie Wähler).

In vollem Umfang erfolgreich war die evangelische Kirche mit zwei weiteren Anliegen. Nach vielen Jahren sah sie eine Erhöhung des Zuschusses für die Verpflegung im Ferienlager von derzeit 1,28 auf drei Euro als gerechtfertigt, die tatsächlichen Kosten lägen bei neun Euro. Bürkner dazu: „Es ist ein wichtiges Angebot im Rahmen der Ferienbetreuung in der Stadt.“ Es gehe um rund 3000 Euro Mehrkosten. Das Votum dazu war einstimmig.

Knapp befürwortet wurde der Antrag auf einen einmaligen Zuschuss in Höhe von 56 000 Euro für die Sanierung des Gemeindezentrums an der Versöhnungskirche. Die Begründung der Kirche: Die Räume werden auch für das Ferienlager genutzt, andere Städte bezuschussten auch Stadtranderholung, gleich wer sie anbiete. Auch soll das Gemeindehaus künftig als Zentrum für Bildungsarbeit und Begegnung vor allem für junge Menschen unterschiedlicher Herkunft ausgebaut werden, wobei man mit Institutionen der bürgerlichen Gemeinde kooperiere. Mit sechs Stimmen von Nürtinger Liste/Grüne, SPD und CDU bei fünf Gegenstimmen und einer Enthaltung wurde der Zuschuss bewilligt.

Ohne Debatte wurden zwei weitere Anträge positiv beschieden. Der Zuschuss von 8500 Euro für den Arbeitskreis Leben wurde nach zehn Jahren erstmals wieder um 3000 Euro einstimmig erhöht. Für den Antrag des Sozialdienstes katholischer Frauen, die Förderung für die Schwangerschaftsberatung um 1600 auf 3000 Euro zu erhöhen, gab es fünf Stimmen aus den Reihen von NT 14, Nürtinger Liste/Grüne und SPD bei drei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen. Auch der SPD-Antrag, bereits eingeplante 10 000 Euro für einen Schulentwicklungsplan vorzuziehen, wurde einstimmig beschieden, nachdem Sven Singler, Leiter des Amtes für Bildung, Soziales und Familie bestätigte, dass die Mittel im nächsten Jahr bereits gebraucht werden könnten. Stefanie Pfeiffer von der Stadtkämmerei errechnete aufgrund der gefassten Beschlüsse gegenüber dem Etatentwurf der Stadt unter dem Strich ein Minus von rund 22 000 Euro im Ergebnishaushalt.