Von Seoul ins Herz des Schwabenlands

Seit 1. Februar ist Hanzo Kim Bezirkskantor in Nürtingen – „Corona hat alles gestoppt, was ich geplant habe“

Hanzo Kim an der Goll-Orgel der Stadtkirche St.Laurentius Foto: Holzwarth

08.08.2020 05:30, Von Volker Haussmann

Zur Person Hanzo Kim

Hanzo Kim wurde 1975 in Seoul/Südkorea geboren. 1999 kam er als Student nach Deutschland. Studienaufenthalte in Heidelberg (Orgel, Abschluss Solistenklasse) und Tübingen (A-Kirchenmusik). Kirchenmusikalische Tätigkeit am Ulmer Münster und an der Stuttgarter Stiftskirche. Erste hauptamtliche Kantorenstelle in Holzminden (2014). Seit 1. Februar 2020 Bezirkskantor in Nürtingen. Hanzo Kim ist ledig und kinderlos und lebt in Nürtingen. Seit 2014 ist er deutscher Staatsbürger.

NÜRTINGEN. „Ich fühle mich wohl im Schwäbischen“, sagt Hanzo Kim. Auch mit dem schwäbischen Dialekt habe er keine Probleme. „Ich habe mich an den Akzent gewöhnt und mag die Sprachmelodie.“ Das kommt ihm bei seiner aktuellen Tätigkeit sehr entgegen: Seit 1. Februar ist Hanzo Kim Bezirkskantor in Nürtingen.

Dass er einmal im Schwäbischen hängen bleiben und heimisch werden könnte, das hätte er sich, als er 1999 als 24 Jahre alter Kirchenmusikstudent nach Deutschland gekommen ist, wohl nicht träumen lassen. Kim hat in Seoul (Südkorea), wo er 1975 das Licht der Welt erblickte, Orgel studiert. In Deutschland wollte er sein Können vervollkommnen. Nach den Deutschkursen, die er in Bonn belegte, absolvierte er in Heidelberg ein neunsemestriges Studium im Fach Orgel mit dem Abschluss „Solistenklasse“ – dem höchstmöglichen Abschluss als Organist. Danach wollte er nach Südkorea zurückkehren. „Aber während des Studiums lernte ich Kollegen aus der Kirchenmusik kennen, die meinten, ich sollte meine Kenntnisse nicht nach Seoul mitnehmen, sondern hier weitergeben.“ Sagt’s und lächelt verschmitzt.

Von 2008 bis 2012 studierte er in Tübingen A-Kirchenmusik und schloss mit Diplom ab. Er blieb im Land, weil man hier ein Praktikum machen konnte. Sein Weg führte ihn zunächst ans Ulmer Münster, später an die Stuttgarter Stiftskirche. Im Oktober 2014 trat er, nachdem er bereits mehrere Jahre als Kantor in verschiedenen Gemeinden in Württemberg tätig war, seine erste hauptamtliche Kantorenstelle in Holzminden in Niedersachsen an. Als die Nürtinger nach dem Wechsel des Bezirkskantorenpaars Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo nach Hildesheim einen neuen Bezirkskantor suchten, bewarb sich Kim und setzte sich gegen 17 Mitbewerber durch.

„Die Goll-Orgel der Stadtkirche ist eine der schönsten in Baden- Württemberg“

Bezirkskantor Hanzo Kim

„Ich wollte immer in Baden-Württemberg arbeiten“, sagt er. „Ich habe hier Kollegen, Bekannte, Freunde.“ Und Kim nennt noch einen Grund, warum ihn die Stelle in Nürtingen gereizt hat. „Die Goll-Orgel der Stadtkirche ist eine der schönsten in Baden-Württemberg. Jeder weiß, dass diese Orgel einen sehr schönen Klang hat“, sagt er, der auch schon die Orgeln des Ulmer Münsters und der Stuttgarter Stiftskirche gespielt hat. Auch die Stadtkirche mit ihrer „wunderbaren Akustik“ hat es ihm angetan. „Man freut sich, in dieser Kirche zu musizieren.“

Als Bezirkskantor ist Kim zuständig für die Kirchenmusik im Kirchenbezirk, der sich aus 28 Kirchengemeinden zusammensetzt. Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist jedoch seine kirchenmusikalische Arbeit an der Stadtkirche, worunter unter anderem die musikalische Gestaltung der Gottesdienste fällt. Als Kantor obliegt Kim auch die Leitung der Kantorei, des Kinderchors und von Projektchören wie seLiG, ein Ensemble für Liturgie und Gottesdienst, und des Vokalensembles Laurentiana.

„Corona hat alles gestoppt, was ich geplant habe“, blickt Kim auf den Mitte März verhängten Lockdown zurück. Eigentlich hätte er die Kantorei nach dem Karfreitagskonzert, stellvertretend von Jürgen Budday geleitet, nach Ostern übernehmen sollen. Das Konzert wurde wegen der Pandemie abgesagt, die Kantorei befindet sich seitdem in einer Corona-Zwangspause. Der Grund dafür ist in erster Linie, dass Sänger beim Singen mit der Atemluft Aerosole in die Raumluft abgeben, die – wenn sie Corona-Viren enthalten – möglicherweise auch über größere Abstände hinweg infektiös sein können. Aus diesem Grund ist Singen im Chor zurzeit nur mit ausreichendem Mindestabstand möglich – aktuell sind das mindestens zwei Meter zum nächsten Sänger.

„Es gab viele Diskussionen und Videokonferenzen ohne Ende, wie man mit der Situation umgehen könnte“, erinnert sich Kim. „Wir haben uns entschieden, nach den Sommerferien mit den Proben weiter zu machen.“ Geprobt werde dann nicht mehr im Laurentius-Gemeindehaus sondern im größeren Martin-Luther-Hof. Wegen des Abstandsgebots dürften aber nur maximal je 25 Sänger gleichzeitig proben. Nach 45 Minuten gibt’s eine Pause zum Lüften, dann kommt die nächste Gruppe. „Ich mache zunächst mit zwei bis drei kleinen Gruppen weiter“, sagt Kim. Er geht aber auch davon aus, dass nicht alle der rund 80 Sängerinnen und Sänger der Kantorei jetzt schon wieder singen wollen. „Es gibt Leute, die möchten pausieren, bis sich die Lage etwas entspannt hat. Das kann man verstehen.“

Auf ein Konzert der Kantorei wird man wohl noch etwas warten müssen. „Vielleicht nächstes Jahr nach den Sommerferien“, stellt Kim als möglichen Termin in Aussicht. Bis dahin werde er sich verstärkt der Pflege der Stimmen widmen, auch könnten eventuell kleine Gruppen im Gottesdienst singen.

Auch der Kinderchor darf nach den Ferien wieder proben

Nach den Sommerferien kann auch der Kinderchor wieder proben. „Die Landeskirche hat das erlaubt“, so Kim. Auch hier seien selbstverständlich die Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes zu beachten. Gespannt ist er, wie viele Kinder dann kommen werden, denn zuletzt habe der Chor ein Nachwuchsproblem gehabt. Jetzt aber, in Zeiten da noch unsicher ist, ob an den Schulen wieder gesungen werden darf, könnte der Chor Kindern eine Möglichkeit zum gemeinsamen Singen bieten.

Klassische Kirchenmusik hat es Hanzo Kim besonders angetan. Aber er sei auch offen für Popularmusik wie zum Beispiel Gospelsongs, sagt er. Gerade in Baden-Württemberg sei es so, dass Kirchen mehr mit Popularmusik machen möchten. Damit habe er kein Problem. Kim: „Ich bin damit aufgewachsen. Die Kirchen in Korea orientieren sich sehr an amerikanischer Kirchenmusik. Alte Kirchenlieder gibt es dort nicht.“

Hanzo Kims Lieblingskomponist ist Johannes Brahms. „Orgelmusik von Brahms spiele ich sehr gerne. Er hat nicht viele Orgelwerke geschrieben. Aber die sind alle wunderbar.“ Kostproben seines Könnens an der Orgel gibt Kim derzeit jeden Samstag bei der „Musik zur Marktzeit“ in der Stadtkirche. Sein erstes großes Orgelkonzert in Nürtingen gibt er am 17. Oktober in der Reihe Nürtinger Orgelkonzerte. Er spielt „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi in einer für Orgel bearbeiteten Fassung.