Investitur von Jan Welchering in Nürtingen: Die Kirche als menschliche Dauerbaustelle

Die Investitur von Jan Welchering fand in zwei Teilen statt – in der Kirche St. Johannes Evangelist und in der Stadthalle K3N

Pfarrer Jan Welchering beim Symposium, das anlässlich seiner Investitur in der Stadthalle K3N abgehalten wurde. Foto: Dietrich

29.09.2020 05:30, Von Peter Dietrich

Wie macht man Grußworte interessant? Man gebe allen, die etwas sagen dürfen, ein angemessenes Thema vor. Bei der Investitur von Pfarrer Jan Welchering hat das sehr gut funktioniert, in der Stadthalle K3N war nicht nur Reinmar Wipper am Flügel sehr hörenswert.

NÜRTINGEN. Sie haben sich wirklich etwas überlegt, die Nürtinger Katholiken: Weil wegen der Coronaregeln leider nicht alle dabei sein konnten, wurde die Messe in St. Johannes Evangelist als Livestream ins Netz übertragen. Weil man nicht länger als eine Stunde gemeinsam in einem Raum sein soll – selbst in einem mit einem so enormen Luftvolumen wie die hohe und schöne Kirche –, begab sich das wandernde Gottesvolk nach einer Stunde für den zweiten Teil in die Stadthalle K3N. Dort war dann nochmals eine Stunde für ein Symposium eingeplant.

Normalerweise gehört zu einem Symposium auch Wein, den gab es diesmal nicht, aber einen Begrüßungssekt und dann auf einem Beistellhocker neben jedem Sitzplatz Mineralwasser und Leckeres vom Bäcker. Alle fünf Redner sprachen zum Thema „ecclesia semper reformanda“, also darüber, dass die Kirche ständig zu reformieren, mithin eine ewige Dauerbaustelle ist. Nun, nicht ganz ewig, in der himmlischen Ewigkeit dann nicht mehr, aber hier auf Erden hört das nie auf.

Weise Worte von Augustinus und Ignatius von Loyola

Aber ist das kein evangelisches Thema, was wollen die Katholiken damit? „Das war gar nicht so evangelisch gemeint“, sagte Pfarrer Jan Welchering, einer der fünf Redner. „Das war schon immer ein Thema der ganzen Kirche.“ Er verwies auf den Kirchenvater Augustinus, von dem vor einigen Jahren sechs bisher unbekannte Predigten entdeckt wurden. „Augustinus beginnt seinen Blick auf Reformen mit dem Blick auf uns selbst. Manchmal dürfen wir nicht große Reformen erwarten, sondern müssen in kleinen Schritten vorangehen. Die Erneuerung darf ganz klein anfangen und auch durch manchen Fettnapf führen.“ Jan Welchering zitierte auch Ignatius von Loyola und dessen Unterscheidung von bösem und gutem Geist: „Er lehrte, dass es dem bösen Geist eigen sei, Gewissensängste zu erregen, traurig zu stimmen und Hindernisse zu legen, indem er mit falschen Gründen beunruhigt, damit man nicht weiter voranschreite. Dagegen sei es dem guten Geist eigen, Mut und Kraft, Tröstungen und Tränen, Eingebungen und Gelassenheit zu schenken, indem er alle Hindernisse leicht macht und weghebt.“ Der neue Leitende Pfarrer bezog diese Worte direkt auf die Ereignisse der letzten Wochen und Monate.

Er spreche nicht als Oberbürgermeister, sondern als „bekennender Christ und einfaches Gemeindemitglied“, sagte Dr. Johannes Fridrich. Auch wenn das Wort Gottes ewig gelte, sei es wichtig, für jede Generation die beste Sprache und Form zu finden. Er habe drei Wünsche an die Kirche: Das Gotteshaus solle ein lebendiger Ort der Begegnung sein, die Kirche solle viele mobile Angebote machen, etwa in der Jugendarbeit, und die Ökumene solle leben. Er sage dies als Sohn einer evangelischen Mutter und eines katholischen Vaters. Auch zum neuen Pfarrer hatte er eine Anmerkung: „Er ist jünger als ich und in der Rhetorik besser, denn er hat es studiert.“

Ulrich Maulhardt, Gewählter Vorsitzender des Kirchengemeinderats St. Johannes Evangelist, blickte auf vier wechselvolle Jahre mit zwei pfarrerlosen Zeiten zurück: „Wir sind froh, dass Sie da sind, dass wir endlich wieder einen Pfarrer haben.“ Er versprach: „Wir sind bereit, in den Weinberg zu gehen, gemeinsam mit Ihnen.“ Mit diesem Bild bezog er sich auf die Antrittspredigt von Jan Welchering über ein Gleichnis Jesu. Jesus hatte darin erklärt, dass es nicht auf das fromme Versprechen, sondern das tatsächliche Handeln ankommt. Mancher lehnt erst ab, aber tut hinterher doch das Richtige. „Entscheidend ist die Reue“, hatte Welchering betont.

Mit Welchering komme oberschwäbischer Barock nach Nürtingen, sagte der evangelische Dekan Michael Waldmann, und zitierte damit den neuen Pfarrer selbst. Weder Einzelne, noch nicht einmal die ganze Kirche könnten aktuelle gesellschaftliche Trends aufhalten oder umkehren. Kirche sei nicht an der Resonanz, sondern an ihrem Auftrag zu messen: „Wir können nicht das Produkt wechseln, wenn es gerade schlecht ankommt. Kirche ist eine Kirche der Freiheit, der Hoffnung und der Vision, keine Kirche des Zwangs, der Angst und des Kleingeistes.“

Stadtkirchenpfarrer Markus Lautenschlager sprach als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Nürtingen (ACK). Bei der Suche nach dem Ursprung der Formulierung „ecclesia semper reformanda“ wurde er zuerst bei Karl Barth 1947 und dann im Jahr 1610 fündig. Eine Reformation sei dann nötig, wenn die Kirche hinter ihrem Auftrag zurückbleibe.


Beim Symposium wurden auch Glückwunschkarten an den neuen Leitenden Pfarrer verlesen. Eine davon fasste in nur drei Großbuchstaben zusammen, was der Neue braucht: „Mut“. Den brauchen und haben auch die Nürtinger Katholiken. Die beiden Feiern und der Pilgerweg dazwischen zeigten, dass sie sich dem zitierten „bösen Geist“ und der Vereinzelung der Menschen widersetzen. Sie wollen zueinander, so wie es geht, auch wenn es einen großen Aufwand bedeutet.