Nürtinger Altenheimseelsorgerin berichtet über ihre Arbeit unter Pandemie-Bedingungen

©Helle

Die evangelische Altenheimseelsorgerin Evelyn Helle berichtet über ihre Arbeit unter Pandemie-Bedingungen

31.10.2020 05:30, Von Philip Sandrock

NÜRRTINGEN. Im Kirchenbezirk Nürtingen gibt es seit 2007 eine Pfarrstelle für die Alten- und Pflegeheimseelsorge. Damit soll in Alten- und Pflegeheimen eine intensive seelsorgliche Begleitung von Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern ermöglicht und der steigenden Anzahl von Altenheimen und Pflegeeinrichtungen Rechnung getragen werden.

Zurzeit gehören zur Pfarrstelle die drei Heime in der Europastraße in Nürtingen: Augustinuspflege, Haus der Senioren und das Kursana Domizil/Haus Christophorus sowie im Bezirk Nürtingen das private Alten- und Pflegeheim Erna Maisch in Großbettlingen und die Pflegeresidenz „Leben am Turm“ in Beuren. Zudem fand einmal im Monat ein evangelischer Gottesdienst im Betreuten Wohnen am Kroatenhof statt. Bis Corona kam – seitdem hat auch die Altenheimseelsorge mit den Beschränkungen zu leben, die der Infektionsschutz voraussetzt. „Manchmal waren wir Seelsorger die Einzigen, die noch zu den Menschen durften“, sagt Pfarrerin Evelyn Helle, die in Nürtingen für die Altenheimseelsorge verantwortlich ist.

Die Pandemie mache viel mit den Menschen, sagt sie. So habe es zum einen eine soziale Isolation gegeben, mit weniger Besuchen oder gar keiner Besuchsmöglichkeit. Eine belastende Situation für beide Seiten. Die Folge seien oft Depressionen oder Belastungsstörungen, Verlassenheitsangst und Lethargie gewesen. „Es war ganz furchtbar“, so Helle.

Wut, Unzufriedenheit, aber auch Positives

Die Härten des ersten Lockdowns im März seien mit großer Wucht über manchen Heimbewohner gekommen. So habe sie neben depressiver Stimmung auch sehr sehr wütende Menschen erlebt, manche seien auch sehr schwarzseherisch und unzufrieden geworden.

Aber die Pfarrerin hörte nicht nur Negatives. „Ich habe auch Zuversicht erlebt“, sagt Helle. So hätte mancher Heimbewohner aus der Not eine Tugend gemacht. So hätte jemand gesagt, dass er endlich Zeit gehabt hätte, etwas für sich zu machen. Oder ältere Menschen hätten ihr gesagt: „Wir haben die Zeit des Krieges und die Zeit danach überstanden; wir kriegen das hin, wir haben Verzicht eingeübt.“

Aber nicht jeder Bewohner eines Alten- und Pflegeheims kann so reflektiert mit der Lage umgehen. Menschen, die unter Demenz leiden, seien oft besonders verunsichert. Durch die neuen Hygienevorschriften fehlen ihnen der körperliche Kontakt, gewohnte Rituale und Abläufe könnten nicht mehr so stattfinden wie vorher. Bei manchem seien durch den Corona-Stress schlimme Erinnerungen wie beispielsweise Kriegstraumata wieder aufgekommen.

Durch die Corona-Beschränkungen seien viele Ehrenamtsangebote weggefallen, die ehrenamtlichen Helfer durften nicht mehr in die Einrichtungen. Dennoch hätten sie die Menschen nicht im Stich gelassen. „Es ist dadurch sehr viel Kreativität entstanden“, sagt Helle. So seien digitale Kommunikationsformen genutzt worden, beispielsweise Videogespräche, oder Konferenzen über Tablet und PC. In einer Einrichtung sei ein Begegnungsraum geschaffen worden. Oder es sei auf „gute alte“ Kontaktmöglichkeiten wie das Telefon, Briefe, Postkarten oder Bilder zurückgegriffen worden. Manche Einrichtungen hätten, wo es räumlich möglich war, „Fenstergespräche“ ermöglicht. Also Besuche, bei dem der Heimbewohner drinnen, der Besucher aber draußen am Fenster sitzt und so zwar Distanz wahrt, aber trotzdem nah ist.

„Sehr wichtig war und ist die Arbeit der Betreuungsassistenten, die sich sehr um Einzelne und kleinere Gruppen gekümmert haben“, betont Helle. Sie hätten vieles aufgefangen, was durch den Lockdown weggefallen ist. Diese Mitarbeiter haben auch seelsorgliche Kompetenz; sie seien eine wichtige Ergänzung der Pflege, weil sie sich auch um die sozialen Bedürfnisse der Bewohner kümmern. „Die Situation im Altenheim ist anders als allein irgendwo zu Hause“, sagt Helle. Für Menschen im Heim gebe es dadurch eine äußere Versorgung, also Mitarbeiter, die sich um Pflege und Betreuung kümmern; so sei die Situation abgemildert worden.

Einsamkeit ist auferlegt, nicht gewollt, sagt die Pfarrerin. Deshalb sei es wichtig, den Kontakt zu älteren Menschen irgendwie aufrechtzuerhalten, und sie spüren zu lassen: „Du bist wichtig, du gehörst dazu.“

Der Glaube habe etlichen der alten Menschen Kraft gegeben, auch dass Gottesdienste wieder stattfinden können, weil sie eine wichtige soziale Aufgabe haben. Aufbauend für die Senioren seien auch die Aktionen im Freien gewesen: vor Vielen Einrichtungen hätten Musiker, Posaunenchöre oder andere Künstler Aufführungen im Freien organisiert – sodass die Bewohner von ihren Zimmern aus zuschauen konnten.

Doch auch von oben kommt Kraft: So berichtet Helle vom Gespräch einer Kollegin, der gesagt wurde, dass das mit dem Corona schon wieder gut werde: „Unser Herrgott arbeitet daran!“