„Gemeinschaft ist wichtiger als das Essen“

In Vesperkirche entstanden schon langjährige Freundschaften – Noch bis zum 23. Februar ist der Tisch im Stephanushaus gedeckt

In der Vesperkirche sitzt niemand alleine am Tisch. Foto: Jüptner

13.02.2019, Von Daniel Jüptner

Die Vesperkirche im Roßdorf startete gestern in die zweite Woche. Noch bis Sonntag, 24. Februar, gibt es in den Räumen der evangelischen Stephanuskirche Roßdorf ein reichhaltiges Mittagsmenü. Damit sich auch jeder ein Essen leisten kann, folgt das Projekt dem Motto „Jeder bezahlt was er kann und möchte.“

NÜRTINGEN. Suppe, Hauptgang, Kuchen sowie Getränke gibt es daher zusammen bereits für einen Mindestbetrag von einem Euro pro Person. Doch schätzen viele der über 200 Gäste täglich neben dem Essen und weiteren kostenlosen Angeboten vor allem die Gemeinschaft – genauso wie die ehrenamtlichen Helfer.

Einmal im Jahr, immer in der kalten Jahreszeit, öffnet die Nürtinger Vesperkirche ihre Pforten, und wird so zu einem Ort der Begegnung für unterschiedliche Menschen. Darauf freut sich auch der 78-jährige Kurt Dieter Thiel aus Nürtingen, denn der frühere Architekt kommt nun schon das „zehnte oder elfte Jahr“ in Folge zur Vesperkirche – so genau weiß er es nach so langer Zeit gar nicht mehr.

Er lebt allein, und da brachten ihn Bekannte auf die Idee bei der Vesperkirche vorbeizuschauen. Nicht, weil er finanziell darauf angewiesen wäre, sondern um unter Leute zu kommen. Vor acht Jahren lernte er dann Ingrid in der Vesperkirche kennen, seine Tischnachbarin, und seither verbindet die beiden eine innige Freundschaft. Auch sie kam damals auf Anraten von Freunden zur Vesperkirche, „anfangs aber nur am Wochenende weil ich damals noch gearbeitet hab“. Zusammen gehen sie nun auch manchmal auf ein Jazz-Konzert.

Eine ältere Dame und ein Mann setzen sich mit an den Tisch. Sie wurden vom Fahrdienst gebracht: ein kleiner Bus sammelt auf Bestellung Gäste, die schlecht zu Fuß oder eigenem Auto sind, ein, kostenlos. Und auch der Elektro-Bus der Stadt Nürtingen verkehrt extra für die Vesperkirche.

Herzliche Begrüßungen am Tisch, denn die Runde kennt sich schon nach all den Jahren. „Eine kleine eingefleischte Clique ist das“, kichert eine der ehrenamtlichen Helferinnen, und serviert Suppe. Einen Euro kostet das Essen, komplett inklusive Getränken und Kaffee und Kuchen als Nachtisch. „Für den Preis könnte ich nicht kochen, und ich gebe zwei Euro“, so Thiel, der seinen Kassler mit Schupfnudeln sichtlich genießt.

Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter gesellt sich mit an den Tisch. Bedürftig wirkt keiner von ihnen. „Armut sieht man bei uns hier nicht. Echte Armut haben wir aber gewiss auch hier“, berichtet Diakonin Bärbel Greiler-Unrath in einer der wenigen ruhigen Minuten, und blickt nachdenklich in den Saal. Damit meint sie auch die seelische Armut, die Einsamkeit hervorruft. Doch auch die finanzielle Armut sei in Nürtingen verbreiteter als man annimmt, und vor allem in der Vesperkirche präsent. „Über die Jahre hat sich Vertrauen aufgebaut zu den Gästen, und da erfährt man dann die oft tragischen Schicksale“.

Im Saal hingegen herrscht Heiterkeit bei den inzwischen über 200 Gästen – und keiner sitzt alleine. Und auch nicht alle kamen, weil sie alleine oder bedürftig sind: kurz nach 12 erscheint eine Gruppe junger Geschäftsleute und tritt auf die Kasse zu. „Wir kommen zur Vesperkirche?“ sagt ein Mann im Anzug, und überreicht 20 Euro. Das Rückgeld verweigert er freundlich und erwidert „Dafür sind wir doch hier!“.

Dies freut Greiler-Unrath, und doch decken die Einnahme an der Kasse gerade einmal ein Drittel der Gesamtkosten ab: 60 000 Euro werden benötigt für die drei Wochen Vesperkirche, und da sind Arbeitszeiten nicht einmal eingerechnet. Ein Großteil wird daher rein durch Spenden und von der Gesamtkirchengemeinde bestritten.

Eine unerlässliche Stütze des Projektes sind daher die rund 50 ehrenamtlichen Helfer am Tag. Und auch diese profitieren von ihrem Einsatz: „Man bekommt hier sehr viel zurück. Es ist sozial. Und es gibt mir wieder etwas Struktur hier zu helfen“, berichtet ein Herr während er Fleisch ausgibt.

Einer der Herren war früher Chirurg, ein Ehepaar aus dem Schwarzwald nimmt sich seit Jahren extra Urlaub um ein paar Tage in Nürtingen auszuhelfen. Aber auch junge Leute können von dem Engagement profitieren, und so helfen an einigen Tagen auch Auszubildende der Stadt Nürtingen und von umliegenden Betrieben aus.

Besucher bekommen nicht nur eine warme Mahlzeit

Oder Uwe Kächele, der seit elf Jahren jedes Jahr bei der Vesperkirche mit Leidenschaft das Geschirr sortiert, einfach nur weil es ihm gefällt eine Aufgabe zu übernehmen. „Der ist hier unsere treue Seele, den kennt man“, erzählt ein Gast im Vorbeigehen.

Die familiäre Atmosphäre unter den Besuchern fällt auf, und begeistert. So begab sich letzte Woche der SPD-Bundestagsabgeordnete Nils Schmid unter die Gäste, um ganz ungezwungen die Vesperkirche zu erleben, verrät Greiler-Unrath. Dieser wird aber wohl nicht auf die weiteren Dienstleistungen, die es kostenfrei in der Stephanuskirche gibt, zurückgegriffen haben: „Wir haben dieses Jahr einen Friseur, einen Hausarzt und einen Rechtsanwalt, kostenlos.“ zählt die Diakonin auf. „Dazu kommt jemand und macht Fußpflege. Eine Hundestation steht im Gang. Und natürlich sind auch die Damen von den Beratungsstellen der Stadt da, also heute zu Fragen um Pflege oder Hilfe bei der Suche nach Selbsthilfegruppen“. Lauter Unterstützung über die sie sich sichtlich freut.

Oder auch darüber, dass die Stadt durch Bürgermeisterin Annette Bürkner so völlig unbürokratisch zugesichert hat, den Elektro-Bus über die Mittagszeit zur Vesperkirche verkehren zu lassen. Eine große Erleichterung, liegt die Stephanuskirche im Roßdorf doch deutlich weniger zentral als die Lutherkirche, zumal derzeit der Roßdorfweg für den Straßenverkehr voll gesperrt ist.

Noch bis zum 24. Februar findet die Vesperkirche im Roßdorf statt, täglich von 11.30 bis 14.30 Uhr. Eingeladen dazu ist jeder: „Einsame und solche, die Familie, Freunde und Bekannte haben.“ Aber auch über tatkräftige Unterstützung zu den Essensausgaben noch in den nächsten zwei Wochen freut man sich. So geraten die Schicksale und die Armut die uns umgibt auch nicht in Vergessenheit.