„Es war einfach gigantisch!“

Zwölfte Vesperkirche war ein voller Erfolg – Ausweichquartier im Roßdorfer Stephanushaus wurde gut angenommen

Ehrenamtliche Helfer bei der Essensausgabe in der Vesperkirche Foto: Eisenhardt

25.02.2019, Von Katja Eisenhardt

Gemeinsam an einem Tisch“ – das Motto der Vesperkirche wurde auch zum Abschluss der zwölften Nürtinger Auflage am gestrigen Sonntag einmal mehr gelebt. Im voll besetzten Stephanushaus im Stadtteil Roßdorf gingen drei gemeinsame schöne Wochen zu Ende. Die Vesperkirche hat in dieser Zeit viele Menschen erreichen können.


NÜRTINGEN. Trotz aller Routine war die diesjährige Runde der Nürtinger Vesperkirche, eine Initiative der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Nürtingen und des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen, für alle Beteiligten etwas ganz Besonderes, fand sie doch an einem neuen Ort statt. Wegen des Umbaus der Nürtinger Lutherkirche war der tägliche Treffpunkt in den vergangenen drei Wochen das Stephanushaus im Roßdorf.

In dem ökumenischen Gemeindezentrum befinden sich die katholische Kirche St. Stephanus und die evangelische Stephanuskirche Tür an Tür unter einem Dach. „Bei der Suche nach einer Alternative zur Lutherkirche war vor allem die Größe der Räumlichkeiten ein entscheidender Faktor. Das war hier im Stephanushaus gegeben, auch beide Kirchengemeinden waren gegenüber der Idee, die Vesperkirche diesmal hierher zu verlegen, von Anfang an sehr offen“, erzählt die Leiterin der Nürtinger Vesperkirche, Diakonin Bärbel Greiler-Unrath.

„Das einzige Problem war dann nur noch die Frage: ,Wie bekommen wir die nicht mobilen Leute hier hoch ins Roßdorf?‘ Durch die zwei E-Pendelbusse, die die Stadt ermöglicht hat, wurde aber auch dieses Problem gelöst.“ Täglich fuhren die beiden E-Busse mit je acht Sitzplätzen zwischen dem Busbahnhof, der Haltestelle gegenüber dem Martin-Luther-Hof und dem Roßdorf hin und her. Zusätzlich stellte das DRK einen Bus zur Verfügung, den Fahrdienst organisierte die Kirche.

Durch den Ortswechsel andere Menschen erreicht

Fragt man Bärbel Greiler-Unrath nach einem Resümee der letzten drei Wochen, ist die Antwort eindeutig: „Es war einfach gigantisch!“ Aufgrund des Ortswechsels und der damit verbundenen Organisation habe es sich fast angefühlt wie das erste Mal Vesperkirche. „Wir haben nicht gewusst, ob das hier klappen wird, alle Sorgen waren aber unbegründet. Das hat alles prima funktioniert“, zeigt sich die Diakonin erleichtert und zufrieden. „Viele hier im Roßdorf wussten vorher gar nicht, dass es die Nürtinger Vesperkirche gibt. Dadurch, dass sie nun hier oben im Stephanushaus stattfand, wurde zum einen das Angebot ins Bewusstsein gerückt, zum anderen auch gezeigt: Das Roßdorf wird wahrgenommen. Das ist aufgegangen wie erhofft, es sind täglich viele Menschen aus der direkten Umgebung zur Vesperkirche gekommen“, freut sich Bärbel Greiler-Unrath. Insgesamt seien es in diesem Jahr wieder viele Stammgäste der Vesperkirche, aber auch einige neue Besucher gewesen. „Im Schnitt waren es täglich zwischen 250 und 350 Essen. Am Sonntag vor einer Woche sogar 389“.

60 000 Euro werden jährlich gesamt benötigt, um die drei Wochen Vesperkirche stemmen zu können, so die Diakonin, „die Einnahmen dürften wieder etwa so hoch sein wie im Vorjahr, also gut 16 000 Euro – zwischen 40 000 und 45 000 Euro benötigen wir jährlich an Spendengeldern“.

Für viele ist das gemeinsame Mittagessen ein fester Termin, gerade auch für die vielen Gäste, die ansonsten allein zu Hause wären. „Es gibt im Stephanushaus 162 Sitzplätze, das heißt, es wurde täglich in mehreren Schichten gegessen. Das Mittagessen liefern seit mehreren Jahren die beiden Metzgereien Zänglein und Luz. Die täglich gut 25 Kuchen für den Nachmittagskaffee backen abwechselnd die Gemeindemitglieder der rund 30 Bezirkskirchengemeinden“, erklärt die Diakonin.

In der Vesperkirche sind über die drei Wochen täglich 50 ehrenamtliche Helfer im Einsatz, „mit den Schülern haben wir insgesamt rund 450 Ehrenamtliche, darunter viele, die schon lange dabei sind“, so Greiler-Unrath. Täglich sind die Helfer von 10.30 bis 15.30 Uhr beschäftigt, sonntags aufgrund des Gottesdienstes bereits ab 9.15 Uhr.

Zu den langjährigen ehrenamtlichen Helfern gehören Heidi Rosenkranz und Gerhard Nitsch. „Es macht einfach viel Spaß, hier dabei zu sein“, sagen beide. „Und man bekommt unheimlich viel zurück an Freundlichkeit und Dankbarkeit“, ergänzt Heidi Rosenkranz, „viele kommen täglich wegen der Gesellschaft, am Ende ist man sozusagen satt an Leib und Seele“.

Die Vesperkirche will an Leib und Seele sättigen

Als Aushilfe war an diesem Sonntag der Nürtinger Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel mit von der Partie: „Ich möchte die Gelegenheit nutzen und mit den Leuten direkt ins Gespräch kommen, gerade auch zu wichtigen und aktuellen Themen und Problemen wie Armut, Bedürftigkeit und Einsamkeit. Mit jenen, die es unmittelbar betrifft, aber auch mit den Pfarrern, Diakonen und Ehrenamtlichen“, so Gastels Absicht.

Der letzte Tag sei immer auch etwas traurig fürs Team und für die Gäste, bestätigt Bärbel Greiler-Unrath: „Nach den drei Wochen fehlt einem da schon ganz schön was.“ Das beschreibt auch Pfarrerin Claudia Kook von der evangelischen Stephanuskirchengemeinde zu Beginn des Gottesdienstes an diesem Abschluss-Sonntag: „Es liegt ein wenig Wehmut in der Luft, denn es waren drei schöne Wochen voller Begegnungen, guter Gespräche und Essensduft, der in der Luft lag“.

Pfarrer Ansgar Leibrecht von der katholischen Kirche St. Johannes, Nürtingen, ging in seiner Predigt auf die dringende Notwendigkeit ein, wieder genauer hinzuschauen – gerade bei aktuellen Problemen wie der verbreiteten Altersarmut seien alle gefordert, die Gesellschaft ebenso wie die Politik. Die Vesperkirche dauere zwar nur drei Wochen, „für manche Menschen bringt das aber schon ganz schön viel“.

Annedore Keltsch wohnt direkt gegenüber des Stephanushauses und ist in diesem Jahr zum ersten Mal zur Vesperkirche gekommen – jeden Tag: „Ich komme hierher sonst auch in den Gottesdienst, das war wirklich schön, dass es dieses Angebot jetzt hier direkt vor Ort gab. Das Essen in Gesellschaft tut einfach gut, gerade wenn man alleinstehend ist. Da fehlt jetzt nach den drei Wochen auf jeden Fall was“, sagt die Seniorin und ihre Tischnachbarn, die sie allesamt bei der Vesperkirche kennengelernt hat, nicken zustimmend.