Zum Start gibt es gleich Dinner für 300

Die Nürtinger Vesperkirche hat den vorübergehenden Umzug ins Roßdorf bestens gemeistert

Zur gestrigen Eröffnung der Nürtinger Vesperkirche in der Stephanuskirche Roßdorf hat Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, Karten und Klammern mit der Aufschrift „Zusammenhalten“ mitgebracht. Fotos: Dietrich

 04.02.2019, Von Peter Dietrich

Wer kennt sie nicht, die legendäre Frage von Butler James: „The same procedure as last year?“ Ja, es solle so wie jedes Jahr sein, lautet die Antwort beim „Dinner for one“. Dass die Vesperkirche in diesem Jahr wie gewohnt laufen würde, daran hatte durch den Umzug ins Roßdorf so mancher Mitarbeiter seine Zweifel. Doch der Start mit einem „Dinner for 300“ gelang.


NÜRTINGEN. Die Obstkörbchen, Tortenplatten und Mülleimer waren beim Start etwas knapp, aber das war es dann auch schon mit Problemen. „Das ist ziemlich reibungslos gelaufen“, freute sich die Diakonin Bärbel Greiler-Unrath. „Die Mitarbeiter sind angekommen, die letzten Zweifel sind verflogen, dass das hier funktioniert.“

Weil die Lutherkirche derzeit umgebaut wird, ist die Vesperkirche für ein Jahr in die Stephanuskirche Roßdorf gezogen. Dafür haben in dem ökumenisch errichteten Gebäude sowohl Evangelische als auch Katholiken sämtliche Gemeinderäume freigeräumt. Eine Sorge war: Werden die Stammgäste der Vesperkirche an den neuen Ort finden? „Es sind alle da“, stellte Greiler-Unrath am ersten Tag fest. Dabei seien ganz wenige Gäste mit dem kostenlosen Pendelbus gekommen. Dieser von der Stadt Nürtingen gesponserte Service beginnt täglich um 11.15 Uhr, zwei kleine E-Busse pendeln dann ständig zwischen dem Bussteig 11 des ZOB und Roßdorf-Liebermannstraße, unterwegs halten sie an der Schulbushaltestelle an der Ersbergschule, gegenüber dem Martin-Luther-Hof. Greiler-Unrath empfiehlt den Pendelbus auch deshalb, weil die Parkplätze an der Stephanuskirche begrenzt sind.

Pfarrerin Claudia Kook fand beim Eröffnungsgottesdienst sofort Gefallen am ungewohnten Anblick ihrer mit 28 Tischgruppen bestuhlten Stephanuskirche. Sie erzählte von den Zweifeln ihrer Konfirmanden: „Sitzt man da echt zum Gottesdienst an Tischen?“ Einige Konfirmanden kamen dann selbst, um das zu sehen. Dekan Michael Waldmann verglich in seiner Predigt die Situation der Christen in Korinth, die vom Apostel Paulus einen Brief bekamen, mit heute. Paulus dankt zuerst einmal Gott für seine Gaben an die Korinther. „Heute danken wir Gott, dass er uns die Gaben gibt, die wir für andere Menschen einsetzen können. Es ist der Dank, der sich auch in Taten ausdrückt.“

„Vesperkirchen sind ein Wärmestrom in unserer kalten Welt“

Dekan Michael Waldmann

Paulus verschweigt aber auch die Spannungen nicht. „Auch bei uns ist die Welt keineswegs in Ordnung. Mit der Vesperkirche können wir die Armut nicht bekämpfen, aber wir setzen ein Zeichen der Liebe Gottes und für mehr Gerechtigkeit. Vesperkirchen sind ein Wärmestrom in unserer kalten Welt.“ Zur Gerechtigkeit gehöre, dass jeder das zum Leben bekomme, was er brauche. „Jeder soll sich beteiligen können, auch bei der Klassenfahrt und mit mindestens einem Kinobesuch im Monat. Davon sind wir auch in unserem Land weit entfernt.“

Vieles, das an Bedürftige geht, wird solidarisch durch Steuern finanziert. „Ich bin bekennender Steuerzahler“, sagte deshalb Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, der die Vesperkirche zusammen mit der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Nürtingen organisiert. Haußmann hatte für alle Gottesdienstbesucher Karten und Wäscheklammern mit der Aufschrift „Zusammenhalten“ mitgebracht. Pfarrerin Claudia Kook klammerte sich zwei der Klammern sofort ans Beffchen. Den Gottesdienst gestaltete auch die Vesperkirchen-Seelsorgerin Pfarrerin Barbara Brückner-Walter mit.

Für ungewöhnliche und wunderbare Musik sorgten Bezirkskantorin Angelika Rau-Culo an der Orgel und Harald Schneider am Saxofon. Die kurze Vesperkircheneinführung übernahm die Diakonin Bärbel Greiler-Unrath: „Es wird sich gar nicht so viel ändern, Sie werden sich im Haus schnell zurechtfinden.“

Nichts geändert hat sich an den Zusatzangeboten: Zum Beginn gab es eine Tiersprechstunde mit der Tierrettung Mittlerer Neckar und einen Beratungsstand des Kreisdiakonieverbands und der Diakonischen Bezirksstelle Nürtingen. Zum Nachtisch nach Schweinegeschnetzeltem oder Ratatouille gab es nicht nur Äpfel und viele gespendete Kuchen, sondern auch Kultur. Sie kam in Gestalt der Kinder des Kindergartens Dürerplatz. Sie besangen die Jahresuhr und vieles mehr und luden zum Mitsingen ein. Am Akkordeon begleitet wurden sie von Charlotte Müller. In der Vesperkirche ist ein Altersunterschied von rund 80 Jahren wie so viele andere Unterschiede völlig unbedeutend.