Gottes Sohn und Nürtingens Dichter

Der Dichter und Pfarrer im Ruhestand Ulrich Frentzloff sprach über Christus im Werk Hölderlins

24.02.2020 05:30, Von Markus Lautenschlager

NÜRTINGEN. Er habe, so der Referent Ulrich Fentzloff, in Konstanz lebender Dichter und Pfarrer im Ruhestand, seit dem Alter von 16 Jahren, also nun über fünfzig Jahre lang täglich mehrere Stunden Hölderlin gelesen und kenne auch praktisch die gesamte Sekundärliteratur.

Am vergangenen Mittwoch ließ er in der vollbesetzten Buchhandlung im Roten Haus ein ihm mit wachsender Faszination folgendes Publikum an der Frucht seiner Lebensarbeit teilhaben. Thema des Abends war Christus im Werk Hölderlins. Als Kind des württembergischen Pietismus habe Hölderlin keinen Augenblick seines Lebens an der Existenz des Heiligen, des Höchsten Gottes gezweifelt. So sehr er unter der Enge der kirchlich-obrigkeitlichen Gestalt des Christentums seiner Zeit litt, prägte ihn doch das positive Grundgefühl des Pietismus, überall von Gott umgegeben zu sein und in ihm zu wohnen. „Himmlische sind / und Menschen auf Erden beieinander die ganze Zeit“ (Der Einzige).

Von den Jugendversuchen abgesehen sah Hölderlin Gott aber eher durch die griechischen Götter repräsentiert. Für diese „natürliche Theologie“ braucht es kein Christentum, keine Kirche keinen Gottesdienst. Und Christus wird von ihm noch um 1800 in „Brot und Wein“ als letzter Gott der Antike gedacht, dessen Sterben den griechischen Götterhimmel beschließt. Dann aber taucht wie aus dem Nichts der Christus praesens auf und nimmt einen zentralen Platz ein in der hölderlinschen Dichtkunst. Hölderlin schreibt ab 1801/02 an den drei großen Christushymnen (Die Friedensfeier, Der Einzige, Patmos), von der Hölderlinforschung häufig übergangen, nach Fentzloff aber der Höhepunkt seines Werks; ein Gipfel der Weltliteratur überhaupt und schlechthin. Hier vollzieht sich eine plötzliche, radikale, vollständige Hinwendung zu Christus als dem auferstandenen, gegenwärtigen, lebendigen.

Die Ursache sieht Fentzloff in drei großen Enttäuschungen und Verwundungen im Leben Hölderlins, einer politischen, einer philosophischen und einer persönlichen. Die von den drei Tübinger Stiftlern Hegel, Schelling und Hölderlin mit großen Erwartungen begrüßte französische Revolution schlug in brutale Gewalt um. Hölderlin wendet sich ab. Er, so Alexander Blankenstein in einem Brief vom 7. Februar 1805, schimpfe beständig auf die Jacobiner und rufe in einem fort: „Ich will kein Jacobiner seyn, Vive le Roi!“ Vergleichbar erging es Hölderlin mit der Aufklärung. Die anfängliche Begeisterung für Kant, der als zweiter Mose aus der Versklavung des Denkens in die Freiheit führt, wich zunehmend einem Unbehagen, die Aufklärung reduziere den Menschen auf das Diesseitige, sei „klanglos“ und „gesangsfeind“, habe nur „Den Schutt gewälzet“ und den Mensch auf ein Maschinenwesen reduziert.

Das Studium der Philosophie, so Hölderlin in einem Brief an seine Mutter (Januar 1799), entferne ihn von seiner eigentümlichen Neigung (zu dichten), sei fremdbestimmter Kriegsdienst. „Mein Herz seufzte bei der unnatürlichen Arbeit, nach seinem lieben Geschäffte, wie die Schweizerhirten im Soldatenleben nach ihrem Thal und ihrer Heerde sich sehnen.“ Und dann stirbt am 22. Juni 1802 Susette Gontard, Hölderlins Diotíma, seine schlechthinnig Geliebte. „Aber das Haus ist öde mir nun, und sie haben mein Auge / Mir genommen, auch mich hab‘ ich verloren mit ihr. / Darum irr ich umher, und wohl, wie die Schatten so muß ich / Leben, und sinnlos dünkt lange das Übrige mir.“ (Menons Klage um Diotima).

Bekenntnis flehender Liebe zu Gott

Hölderlin steht vor sprachlosen und kalten Mauern des Todes und weiß nicht weiter. In dieser Situation erkennt er ausschließlich in der Dichtkunst noch den Weg. An der Hand der Poesie bricht er auf, den zu suchen, der allein im Äußersten einem verlorenen Einzelnen beizustehen vermag: „Noch Einen such ich, den / Ich liebe unter euch, / … / Des Hauses Kleinod.“ Des Hauses Kleinod, der Wertvollste, der Einzigartige: das ist Christus. Von ihm spricht Hölderlin nun im Bekenntnis flehender Liebe: „ …. denn zu sehr / O Christus häng ich an dir.“ Ihm widmet er die drei epochalen Gesänge, umkreist den auferstandenen, lebendigen, gegenwärtigen Christus. Er allein verfügt über die Macht, versöhnend an jenes Lager der Verzweiflung und des Todes zu treten, auf welchem der Dichter Hölderlin friert. „Denn noch lebt Christus“ (Patmos). Es ist freilich keine einfache Rückkehr in den Glauben der Kindheit und der pietistisch-lutherischen Kirche. Die Götter Griechenlands bleiben an Hölderlins Seite als lebendige Gegenwart. Christus löst deren Herrschaft nicht ab. Er tritt hinzu als Bruder des Herakles und als Bruder des Dionysus. Die drei bilden ein Kleeblatt: „So sind jene sich gleich. Voll Freuden, reichlich. Herrlich grünet / Ein Kleeblatt.“ Hölderlin entwickelt eine ganz eigenständige Mythologie: Herakles ist Jäger und Fürst, Bezwinger des Hades; er erobert die Hesperiden-Äpfel des ewigen Lebens. Dionysus – ganz anders als bei Nietzsche – verkörpert den „Akersmann“, den Baumeister, er bringt den Menschen Kultur und Zivilisation, nimmt ihnen Aggression und Kriegslust, schenkt ihnen die Gabe, das Hiersein als festliches zu gestalten durch Kult und Gottesdienst. Christus ist der Bettler.

Für die christologische Figur der Kenose, der Selbstentäußerung Christi findet Hölderlin eine neue Sprache. „Christus bescheidet sich selbst“. Er verzichtet auf alle Insignien irdischer Macht. „Ein Saktuch ziehet an der stille Gott der Zeit“ (Friedensfeier). Als messianischer Bettler gilt von ihm: „Christus aber ist / Das Ende.“ Gedeutet im Sinne von Telos, Vollendung der Welterlösung nach Johannes 19,30: „Es ist vollbracht.“ Für Hölderlin geschieht dies im Zeichen ekstatischer Freude „wie / Zu Rossen, ewige Lust zu leben“ (Der Einzige), eine Anspielung an die zehnte Pythische Ode Pindars, die Hölderlin ins Deutsche übersetzt hat.

In ihr freut sich Apollon an gottgeweihten Festmählern und lache „schauend den Übermuth der gebäumten Thiere.“ Über der klanglos gewordenen Welt wird von Nachtigall (dem Vogel der Gärten, der in der Nähe atmet) und Schneegans (dem Zugvogel der Fernen und Weiten) der „süße Ton der Heimat“ angestimmt, der Urklang, entsprungen der Sehnsucht Gottes nach Welt.

Für Interessierte gibt es das vollständige Manuskript des Abends in der Buchhandlung im Roten Haus, Kirchstraße 8, Nürtingen, und im evangelischen Pfarramt nebenan.