Investitur von Paul Bosler in Nürtingen: Neuer Pfarrer der evangelischen Luthergemeinde und Klinikseelsorger eingeführt

Paul Bosler wurde als neuer Pfarrer der evangelischen Luthergemeinde und als Klinikseelsorger eingeführt

Pfarrer Paul Bosler bei seiner Investitur in der Lutherkirche in Nürtingen. Foto: Dietrich

09.11.2020 05:30, Von Peter Dietrich

Wer am Sonntag aus dem Martin-Luther-Hof nach Hause kam, konnte von richtig guter Live-Musik berichten – mit Saxofon, Trommel und Orgel. Wie das, Vergnügen ist doch derzeit verboten? Ja, aber gottesdienstliche Musik ist erlaubt, und wer will behaupten, dass diese kein Genuss sein kann? Der feierlichen Investitur eines neuen Pfarrers war dieser Genuss sehr angemessen.

NÜRTINGEN. Die evangelische Luther-Kirchengemeinde hat Glück gehabt: Nachdem Pfarrerin Barbara Brückner-Walter in den Ruhestand gegangen war, währte die pfarrerlose Vakanz nur zwei Monate. Schon ist mit Paul Bosler, bisher Pfarrer in Kirchheim-Nabern, der Nachfolger da. Im Krankenhaus dauerte der Ersatz etwas länger, dort ging die Vakanz neun Monate. Bosler übernimmt beide Aufgaben, in der Luthergemeinde und in der Klinikseelsorge, zu jeweils 50 Prozent.

Viel multikulturell unterwegs gewesen

Bis Anfang 2020 gab es an beiden Orten noch jeweils eine Vollzeitstelle. Heißt das, dass der neue Pfarrer jetzt das Doppelte arbeiten soll? Das wäre menschlich unmöglich. Deshalb beschrieb Dekan Michael Waldmann, wie engagiert alle mithelfen: Den Religionsunterricht an der Schule übernähmen Pfarrerin Kook und Pfarrer Frank, die Konfirmanden gingen zu Pfarrer Lautenschlager in den Unterricht, den Vorsitz im Verwaltungsrat der Diakoniestation habe jetzt der Dekan.

„Sie dürfen die Wohltaten dessen bekannt machen, der uns Menschen von der Finsternis ins Licht führt“, beschrieb Waldmann, sich auf ein Zitat des Apostels Petrus berufend, die Aufgabe des neuen Pfarrers: „Sie werden den Menschen erzählen von Gott und seiner Liebe, seiner List der Gnade, vom Sturz der Tyrannen, von der Heiligkeit der Armen und der Schwachen mit schönen und hässlichen Worten.“ Das bedeute, den Menschen nahe zu sein, sie zu kennen, sie ins eigene Gebet einzuschließen, sie herauszufordern mit Themen der Gerechtigkeit, des Friedens und der interkulturellen Begegnung. Das bedeute, Kirche zur Welt und zu den Menschen zu öffnen.

Damit hatte der Dekan indirekt schon einiges über den neuen Pfarrer gesagt. Er komme „von dr Alb ra“, stellte dieser sich vor. Er war Asylpfarrer, hat sich bürgerlich für Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit engagiert. Bei allem sei er nicht auf Krawall gebürstet, sondern als Mediator ausgebildet.

Den weiten Winkel seines Blicks bewies der neue Pfarrer mit seiner Antrittspredigt: Zum einen blickte er in die Ferne auf jenen Tag, an dem – wie Christen glauben – der Gott der Liebe die Herrschaft auf dem Planeten Erde endgültig übernimmt und alle Tyrannen für immer abgedankt haben: „Wir wissen nicht, wann der Tag Gottes kommt.“ Er übersah dabei aber nicht die Probleme in der Nähe und kritisierte entschieden, dass auch der neue amerikanische Präsident Biden sein Land nicht dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag unterstellen wolle.

Auch wenn der neue Pfarrer nach eigenen Worten schon viel multikulturell unterwegs war, so hat er doch in seinem Leben nur einen einzigen Buchstaben getauscht: Aus Würtingen kommend, ist er nun in Nürtingen tätig. Die Partnerin an seiner Seite heißt Margit Riedinger, er hat drei Kinder und vier Enkel.

Der Kirchengemeinderat, allen voran die Vorsitzende Ulrike Kudlich, hatten die Investitur bestens und der aktuellen Situation entsprechend organisiert. Die bereits gelobte Musik stammte von Manuela Häberle an der Orgel, Harald Schneider am Saxofon und Marcel Nyam a Mbamba an der Trommel. Das Trio harmonierte wunderbar, ob nun beim deutschen Kirchenlied oder bei „We Shall Overcome“.

Boslers Engagement für Frieden gelobt

Ebenfalls mit Musik ging es nach der Investitur ins Freie zu einigen Grußworten. Oberbürgermeister Johannes Friedrich hat sich gerade durch seine Corona-App in Quarantäne schicken lassen und sein Grußwort deshalb dem Dekan gemailt. „Ich habe noch nie ein Grußwort eines OB verlesen“, sagte Waldmann. Friedrich unterstrich die Parallelen in der Tätigkeit, aber ein Pfarrer begleite die Menschen noch tiefer als ein Oberbürgermeister. Friedrich, selbst bei den „Mayors for Peace“, lobte ausdrücklich das Friedensengagement des Pfarrers.

„Die Ärzte sind die Körpersorger, sie sind der Seelsorger, wir brauchen Sie“, sagte Elvira Benz, stellvertretende Geschäftsführerin der Medius-Kliniken. Dort ist Bosler gemeinsam mit der katholischen Kollegin Ustja Clauß tätig, auch sie begrüßte den neuen Kollegen herzlich.

Für Jürgen Knodel, Vorstand der Stiftung Tragwerk, ist klar, was er zusammen mit dem neuen Pfarrer erreichen will. „Gemeinsam wollen wir den Martin-Luther-Hof zu einem Treffpunkt für Familien machen, zu einer Drehscheibe im Stadtteil.“ Das Projekt sei bereits gut angelaufen.

Für die Pfarrkollegen im Distrikt begrüßte Pfarrerin Claudia Kook den neuen Kollegen, für die benachbarte Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) tat dies deren Pastor Jürgen Hofmann. Er zitierte Pfarrerin Brückner-Walter, sie habe ihm den neuen Kollegen mit den Worten angekündigt: „Auf den darfst du dich freuen.“