„Das Gefährliche liegt in der Ausgrenzung“

Das Stück „Bettler’s Oper“ passte thematisch zur Vesperkirche – Aufführung war sehr gut besucht

Die „Bettler’s Oper“ bot Stoff zum Nachdenken. Foto: Wetzel

19.02.2019, Von Wolfgang Wetzel


NÜRTINGEN. Die Vesperkirche, die bedürftigen Menschen drei Wochen lang die Möglichkeit gibt, für einen Euro zu einer vollständigen Mahlzeit (samt Kuchen und Kaffee) zu kommen, und eine Rockoper, die sich gerade dieser Armut widmet – das passt zweifellos zusammen. Und so war denn auch am Freitag das Stephanushaus im Roßdorf fast bis auf den letzten Platz gefüllt, als das Ensemble „Frieder Claus & friends“ mit seiner „Bettler’s Oper“ gastierte. Zu erleben waren „Songs und Szenen aus dem armen reichen Land“, wie der Untertitel erläuterte.

Deutschland als armes Land: materiell gesehen nicht als Ganzes, aber in Millionen Einzelfällen. In einzelnen Spielszenen wurden reale Fälle aufgezeigt, wo Menschen aus verschiedenen Gründen nach Hartz IV abrutschten und wo sich diese Spirale nach unten immer weiterdrehte – bis hin zur Obdachlosigkeit. Arm aber auch, weil die so hehren Werte des Grundgesetzes (Würde des Menschen, Eigentum verpflichtet) in der Praxis gerade in den unteren Schichten nicht zum Tragen kommen. Arm aber auch im metaphysischen Sinne, weil ein Land arm dran ist, wenn es trotz großem Reichtum vermehrt Armut gibt.

Dem deutschen Volk – oder eher der Wirtschaft?

Deutschland als reiches Land: Nicht schwierig war es für Frieder Claus, der das Drehbuch schrieb, genügend Beispiele zu finden. Vor allem in den Songs, die sich größtenteils an Bibeltexte oder Lieder bekannter Kabarettisten oder Liedermacher anlehnten (Hüsch, Degenhardt), wurden „die Reichen“ satirisch bloßgestellt und kontrastierten mit den zuvor gespielten Szenen der armen Leute. Der Reichstag in Berlin diene nicht „dem deutschen Volke“, wie es eingemeißelt zu lesen ist, sondern „der deutschen Wirtschaft“. Nette, doch bekannte Verbalisierungen der Politiker: das Volk wird ver-kohl-t, ver-merkel-t, ver-schröder-t, ver-scheuer-t oder ver-södert. Begleitet von Schlagzeugsoli (Joachim Fuchs-Charier). Und eine klare Absage an rechte Populisten.

Eine der eindrucksvollsten Szenen: Eine Gruppe Kirchgänger (gespielt von Mitarbeitern der Vesperkirche) betete das Vaterunser, und gleichzeitig baten die Bettler im Publikum um Geld oder etwas zum Essen: Gib uns unser Brot heute . . . Thematisiert wurden ausführlich die Folgen der Armut für die Menschen: kein Geld, keine Teilhabe. „Das Gefährliche liegt in der Ausgrenzung.“

Einer der, auch musikalisch, besten Songs hieß „Ich wär so gern ’n Euro“. Weil das Leben immer teurer wird, würde er immer gefragt sein, und jeder wollte ihn haben, und er wollte gerne stolz darauf sein – der Wunsch, etwas zu sein, Anerkennung zu finden. Da finden sich menschliche Wünsche materialisiert in dem Euro wieder.

War der erste Teil des Abends geprägt durch den Wechsel von Szenen und Songs, dominierte im zweiten Teil ein Vortrag mit eingestreuten Schlagzeug-Solos: „Armut durch falsch verteilten Reichtum“ hieß das Motto und wurde durch viele Zahlen verdeutlicht. Von „Verarmungsprogramm Hartz IV“ war die Rede, von Rentenkürzungen, Mindestlohn und Wohnungsnot. „Jedes Land hat die Politiker, die es verdient.“ Hoffnung wurde geweckt durch positive Beispiele (Portugal im Sozialbereich, Wien, was sozialen Wohnungsbau betrifft), und auch der schwungvolle Schlusssong brachte poetische Hoffnung: „Doch kommt es ein Tag, an dem die Sonne tanzt“.

Frieder Claus und sein Ensemble machten nachdenklich – teils auf Fakten beruhend, teils satirisch zugespitzt. Das darf eine Rockoper, die sich dieses Themas angenommen hat. Bedenkt man, dass die Darsteller zum Teil aus dem halbprofessionellen Bereich kommen, war es eine gelungene Ensembleleistung. Gelungen auch die Technik, Liedtexte sowie Bilder wurden auf die Leinwand projiziert. Professionell und mit breitem musikalischem Spektrum die Band mit Gitarre, Oboe, Saxofon und Keyboard sowie insbesondere Nausika McAnally (Gesang), die den Songs die nötige Ausdruckstiefe gab.