Stifterversammlung in der Stadtkirche

Experte Rudolf Bönisch lüftet Geheimnis um Schranktürbilder

Nürtingen (pm). Einmal im Jahr sind all jene in die Laurentiuskirche eingeladen, die dieser als Mitglieder der Stadt-Kirchen-Stiftung auf ganz besondere Weise verbunden sind. Mit ihrem Beitrag unterstützten sie die 2003 ins Leben gerufene Stiftung, deren einziger Zweck die Erhaltung dieses Nürtinger Wahrzeichens ist.  Der Vorsitzende des Stiftungsrats, Dekan Michael Waldmann, begrüßte die Teilnehmer der Stifterversammlung mit einem kurzen religiösen Impuls, der zum Nachdenken über Funktion und Entwicklung der evangelischen Kirche in unserer modernen Gesellschaft anregte.
Dann informierte er über die derzeitige Situation der Stiftung. So wurde auch die Stadt-Kirchen-Stiftung Opfer der Niedrig-Zinspolitik und der Entwicklungen auf dem Aktienmarkt. Der Großteil des gut 490 000 Euro betragenden Stiftungskapitals ist konservativ innerhalb eines Stiftungsfonds bei der Landeskirchenstiftung angelegt, wie Waldmann erklärte. Da der Aktienmarkt im vergangenen Jahr keine Erträge abwarf, musste die Rücklage dazu dienen, das Stiftungskapital zu erhalten. Denn, so Waldmann, das Kapital bleibe dauerhaft unangetastet; lediglich die Erträge daraus stehen für Investitionen zur Verfügung. Allerdings zeige bereits in diesem Jahr die Entwicklung der Aktien wieder nach oben und der Stiftungsrat sei optimistisch, dass die Rücklagen zum Abschluss dieses Jahres wieder aufgefüllt würden. Jörg Bauknecht, ebenfalls im Vorstand der Stiftung, untermauerte dies mit Zahlen seines Jahresabschlusses für 2018.
Im vergangenen Jahr konnten zwei neue Stifter gewonnen werden, darunter die Big Band des Hölderlingymnasiums, die die Einnahmen aus der Festveranstaltung der Stiftung als Beitrag gleich wieder einbrachte. Damit erhöhte sich die Zahl der  Stifter/-innen auf 117. In diesem Jahr hofft Waldmann die halbe Million Euro Stiftungskapital voll machen zu können.
„Die beste Werbung für unsere Stiftung sind unsere Stifter selbst“, freute sich der Dekan. Dennoch soll künftig mehr noch auf die Stiftung aufmerksam gemacht werden, etwa durch den bald erscheinenden neuen Flyer. Schließlich ist das Ziel, das sich die Stiftung gesetzt hat, ein ehrgeiziges. Die Erhaltung dieses für das Stadtbild so prägenden Bauwerks aus dem 15. Jahrhundert, ist eine große und kostspielige Aufgabe. Innen- und Außensanierung sind alle 30 bis 40 Jahre notwendig und  verschlingen siebenstellige Summen. Die Stiftung will hierzu sowie zu besonderen Projekten beitragen.
Die Stifterversammlung schenkt jedes Jahr einem anderen Schatz der Stadtkirche ihr besonderes Augenmerk. In diesem Jahr waren die drei Bibliotheksschranktüren an der Reihe, die im hinteren Teil des Chorraumes hängen. Sie datieren aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und stammen aus der alten Kirchenbibliothek, der Vorgängerin der heutigen Turmbibliothek.
Zu dem Vortrag über die drei Doppeltüren, der auch fürs allgemeine Publikum offen war, reiste Rudolf Bönisch eigens aus dem brandenburgischen Lübbenau an. Zufällig war der ausgewiesene Experte für biblische Darstellungen in Kirchen im Internet auf ein Foto des Nürtinger Grablegungs-Bildes gestoßen. Vorlagen dieser Darstellungen sind fast immer Kupferstiche, die ihrerseits die Werke großer Künstler wie etwa Peter Paul Rubens, da Vincis oder Tizians kopierten - dies übrigens mit Wissen und auf Wunsch der großen Meister, wie Bönisch berichtete. Diese „abgekupferten“ Bilder wurden dann weiter verbreitet und als Vorlagen für neue Bilder benutzt. Manchmal wurden mehrere Stiche neu kombiniert manchmal wurde fast deckungsgleich kopiert. So wurden auch die drei Nürtinger Schranktürbilder, „Die Anbetung der Hirten“, Die „Grablegung Christi“ und „Die Himmelfahrt Christi“, nach Kupferstichen gemalt. Zwar bleibt der Maler dieser drei Bilder nach wie vor unbekannt. Das Geheimnis seiner Vorlagen konnte allerdings nun Dank Bönisch gelüftet werden.   In detektivischer Kleinarbeit setzte er das Puzzle der Vorlagen für das Nürtinger Bild zusammen. Dabei kam ihm ein Zufallsfund bei Ebay zu Hilfe, wie Bönisch schmunzelnd berichtete. In keinem der vielen Kupferstichkabinette oder in Internet war er davor auf den passenden Stich zur „Anbetung der Hirten“ gestoßen. Nun spielte ihm der Zufall diesen Stich von Lucas Kilian (1564-1637) aus Augsburg in die Hände. Das Originalbild hatte der Augsburger Maler Johann Rottenhammer (1564-1621) gemalt.
Zur „Grablegung Christi“ zeigte Bönisch zahlreiche verschiedene Varianten des selben Bildes, wie es in Kirchen hauptsächlich im Norden und Osten Deutschlands zu finden ist. Vorlage aller war ein Stich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1629. Die Besonderheit beim Nürtinger Exemplar ist, dass dort der Kopf und das Gesicht Jesus dargestellt sind, während Merians Stich den Kopf hinter Stofffalten im Gewand Josefs von Arimathias verborgen hält. Knapp die Hälfte aller Darstellungen, die Bönisch zusammengetragen hat, zeigt den Kopf, während die andere ihn verbirgt.
Auch das dritte Nürtinger Schranktürbild hat ein in Kupfer gestochenes Vorbild. In diesem Falle gefertigt vom Niederländer  Cornelius /1576-1650) nach dem gemalten Original von Abraham von Diepenbeek aus Antwerpen.
Schließlich wagte Bönisch noch die zeitliche Einordnung der drei Türbilder, die ohne Zweifel vom selben Künstler stammen. „Sie können nicht vor 1629 gemalt worden sein, denn da wurde Merians Stich veröffentlicht“. Bönisch schätzt jedoch, dass sie erst nach dem dreißigjährigen Krieg in den Jahren zwischen 1660 und 1690 entstanden sind.
Nach diesem sehr spannenden Ausflug in die Welt der sakralen Kunst dankte Dekan Waldmann dem Experten und kündigte für die nächste Stifterversammlung bereits einen spannenden Vortrag Klaus Haubers über das Altarkreuz der Stadtkirche an.
Zuvor jedoch lädt die Stadt-Kirchen-Stiftung noch zur Festveranstaltung am 9.November ein.

Das Geheimnis um die Vorlagen der Schranktürbilder aus der Nürtinger Stadtkirche ist Dank Rudolf Bönisch gelüftet. Die „Grablegung Christi“ machte den Experten auf die Nürtinger Bilder aufmerksam. Foto: Arnulf Klein

Bericht des Vorstands der Stadt-Kirchen-Stiftung