Mit Kantaten von Bach vollmundig auf Weihnachten eingestimmt

Chorsänger, Solisten und Orchestermusiker agierten wie ein gut eingespielter Klangkörper. Foto: Jüptner

Das Kantoreikonzert in der Nürtinger Stadtkirche am vergangenen Sonntag stand unter dem Motto „Unser Mund sei voll Lachens“

Nürtinger Zeitung - Udo Klebes


Es müssen nicht immer die großen „Brocken“ sein, wie sie die Nürtinger Kantorei mit Bachs h-Moll-Messe, seinen beiden großen Passionen und Monteverdis „Marienvesper“ in jüngster Zeit zur Aufführung gebracht hat. Gerade jetzt im Advent waren vier zu einem Konzert zusammengefasste Weihnachts-Kantaten Bachs genau die richtige Kost, um auf das bevorstehende Fest einzustimmen. Das Motto „Unser Mund sei voll Lachens“ – gleichzeitig Titel einer der vier Kantaten, die Bach in den Jahren 1713, 1723 und 1725 für die Weihnachtsfeiertage geschrieben hat – passt genau zur Freude, die alle vier Kompositionen durch ihre so erfrischend präsente und lebhafte Wiedergabe durch das gesamte Ensemble ausgelöst haben. In Fortsetzung des Gesangstextes „und unsere Zunge voll Rühmens“ gibt es auch guten Grund, diese Formulierung an das Ensemble und seine Gesamtleistung zu richten.

Mit fordernder Präzision und Gestaltungswillen dirigiert


Die anstatt einer beliebigen Aneinanderreihung symmetrisch gedachte Anlage mit zwei von festlicher geprägten Kantaten gerahmten schlichteren Werken zeugt von der dramaturgisch überlegten Planung des leitenden Kantoren-Paares der Nürtinger Kantorei. Angelika Rau-Čulo oblag diesmal wieder die Einstudierung und musikalische Gesamtleitung, und sie tat dies mit der so bewährt glücklichen Mischung aus fordernder Präzision und einem auch spontanen und lebendigen Gestaltungswillen, der das gesamte Ensemble immer wieder zu Höchstleistungen führt, die im Bereich des Laienchorgesanges nicht selbstverständlich sind.

Und wenn sich mal etwas nicht auf Anhieb in gewünschtem Maß zusammenfügt, als zum Beispiel jetzt beim Auftakt zum titelgebenden Chor die Stimmgruppen der Kantorei nicht auf Anhieb die volle Transparenz erreichten, um das durch Vorschaltung der Soprane erzeugte Lachen sofort hörbar zu machen, weiß sie innerhalb kurzer Zeit mit Ruhe und korrigierendem Eingreifen zur angestrebten Form zu führen.

Die Gesangskultur des Chores ist nicht zuletzt auch durch die Stimmbildnerin Lydia Kucht inzwischen so ausgeprägt organisch und getragen vom Wissen um die jeweils richtige Dosierung der vokalen Mittel, dem Ansetzen von Tönen und dem Ausschwingen von Phrasen und einer genauen Artikulation.

In einem fugierten Satz wie dem Eingangschor, der samt seiner im französischen Stil gefassten Einleitung aus einer Orchestersuite kunstvoll umgearbeitet wurde, kam dieser Vorzug genauso vorteilhaft zum Tragen wie im wellenartigen Eingangssatz aus der Kantate „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget“, wo das Wort „sehet“ immer wieder einer Zeile vorgeschoben und hervorgehoben wird. In den teils einfachen, ohne Satzwiederholungen auskommenden Chorälen mit ihren Bezügen auf bekannte Kirchenlieder erzielte die optimale Textausformung eine Leichtigkeit des Tons, wie sie auch von den vier Solisten aufgegriffen wurde.

Als kurzfristige Einspringerin verdient Fanie Antonelou zuerst gewürdigt zu werden. Die in der Alten Musik erfahrene Sopranistin mit einem wirklich klangvoll attraktiven und viel Liebe ausstrahlenden Timbre begeistert sowohl mit rundum gleichmäßiger Tonqualität von ruhenden, fast stehenden Passagen wie in ihrer Arie aus BWV 64 bis zu einem Kleinod für sich, der gleichnamigen anstatt eines üblichen Chores an den Anfang von „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“ gestellten Arie. Auf Augenhöhe mit der ganz vorne gleichwertig solistisch geführten Traversflöte schwingt sich die Stimme in eine freie glänzende Höhe, die die Herzens- und Seelenfreude der Getrösteten friedvoll zum Ausdruck bringt und die Zeit stillstehen lässt. Die schlichte Schönheit dieser Stimme adelt selbst noch die Zwiegesänge mit Tenor („Ehre sei Gott in der Höhe“) oder Bass („Gott, du hast es wohl gefüget“) aus der abschließenden Kantate „Christen ätzet diesen Tag“ in der Anpassung an ihre Partner.

Auch diese entsprechen ihren Aufgaben mit nuancierter Textgestaltung und eher kleinem, aber feinem vokalen Anstrich. Jakob Pilgrim bringt seinen klaren und weichen Tenor vor allem in der Arie „Ihr Gedanken und ihr Sinnen“ aus BWV 110 trotz Angegriffenheit durch eine Magen- und Darmerkrankung ohne Einbußen zur Entfaltung, Ekkehard Abele behauptet sich in den Rezitativen als Aufmerksamkeit heischender Redner und in den Arien und Duetten als unaufdringlich sorgsam geführter und tragfähiger Bass von heller Farbe, wenn auch das tiefe Register etwas unterbelichtet bleibt.

Eine Besonderheit für sich ist der knabenhaft reine, wie aus einer anderen Welt tönende Altus von Franz Vitzthum, der seine größten Momente in den von einer Solo-Oboe konzertierend begleiteten Arien „Ach Herr, was ist ein Menschenkind“ und „Von der Welt verlang ich nichts“ mit seinem wiegenden Rhythmus sowie in dem ausgedehnten, vom Basso continuo weit ausschwingend gestützten, atmosphärisch reichen Rezitativ „O sel’ger Tag!“ aus BWV 63 hat, wo der Künstler ein sauberes, über den ganzen Abschnitt gespanntes Legato hören lässt.

Das Orchester erwies sich als versiertes Ensemble für Alte Musik

Neben den bereits erwähnten solistischen Bläser-Beiträgen erwies sich die erstmals engagierte Hannover’sche Hofkapelle unter der Führung von Anne Röhrig als versiertes Ensemble für Alte Musik mit hoher Spielkultur in der Abmischung der Gruppen, im Wechsel von gesamtem Einsatz und auf nüchterne Art gehaltenen Begleitungen. Der Klangcharakter des Orchesters ist etwas strenger als derjenige vergleichbarer Kapellen, aber letztlich doch von hohem Reiz, wenn sich in den beiden umschließenden Kantaten Trompeten und Pauke hinzugesellen.

Eingebettet in diesen festlichen Anstrich griff die Kantorei im Schlusschor von BWV 63 die an Händel gemahnende Farbigkeit auf. In „Höchster, schau in Gnaden“ behauptete sich der Chor noch einmal als flexibel musikalische Vereinigung, indem sie mehrfach von einer Fuge in die homophone Einmütigkeit und wieder zurück wechselte. Die Stimmgruppen wurden hier durch das sorgsam animierende Dirigat der Reihe nach in den Vordergrund geholt und noch einmal von ihrer besten Seite präsentiert.

Großer dankbarer Applaus nach ein paar Takten Stille – jetzt kann es Weihnachten werden!