Ein Bilderbuch des Glaubens

Der berühmte Nürtinger Altar kehrte in die Stadtkirche St. Laurentius zurück, wenn auch nur als Replikat

169 Jahre war er nicht da. Oder höchstens zum Teil. Gestern kehrte der berühmte Nürtinger Altar in die altehrwürdige Stadtkirche St. Laurentius zurück, für die er 1516 geschaffen worden war. Zwar nur als Replikat. Aber immerhin. Viele Hölderlinstädter werden sich über diese Aktion freuen. Die 1:1-Kopie des Originals, die vom Buchhandwerk-Experten Hans Peter Bühler in seiner Werkstatt noch auf eine Holzwand aufgezogen und gerahmt wurde, hat die Nürtinger Ortsgruppe des Schwäbischen Heimatbundes in Auftrag gegeben und auch bezahlt. Schon zur Zeit seiner Entstehung war der Altar ein herausragendes Kunstwerk. Pfarrer Markus Lautenschlager geht davon aus, dass er von einer Herzogin-Witwe, die im daneben liegenden Schloss residierte, gestiftet wurde. Es dürfte sich um Elisabeth von Brandenburg handeln, die nach dem Tod ihres Mannes, Herzog Eberhard II., ein Vierteljahrhundert auf dem Schlossberg lebte. Auch Nürtingens großer Sohn Friedrich Hölderlin dürfte vor diesem Altar Konfirmation und andere Gottesdienste gefeiert haben. Erst zwei Jahre vor dessen Tod verschenkten seine Landsleute dieses zentrale Element der Kirche. An König Wilhelm I. von Württemberg zu dessen 25-jährigem Thronjubiläum. Deswegen befindet sich das von Conrad Weiß aus Rottenburg geschaffene Original auch nach wie vor im Fundus der Württembergischen Staatsgalerie. Und die Stuttgarter wollen das natürlich nicht aus ihren Händen geben.  

Beim Gemeindefest am Sonntag wurde der Altar willkommen geheißen 

Über die Gründe dieser großzügigen Schenkung an den Herrscher Württembergs kann auch Markus Lautenschlager nur spekulieren. Ob es etwa daran lag, dass die evangelische Kirche mit der über das biblische Zeugnis gehenden Mariendarstellung so ihre Schwierigkeiten hatte (und hat), obwohl Martin Luther ein bekennender Marienverehrer war? Der Nürtinger Altar ist auf jeden Fall ein Marienaltar par excellence. Weswegen ihn wohl auch viele Nürtinger Katholiken gerne anschauen werden. Nachdem bei der großen Renovierung nach dem Brand der Schlussstein mit dem Marienbildnis wieder die Decke des Chors von St. Laurentius ziert, ist die Rückkehr des Altars nun schon ein zweiter großer Schritt, dank dem die Wurzeln dieses Gotteshauses wieder sichtbarer werden und der die großen Nürtinger Konfessionen miteinander verbinden kann. Für Markus Lautenschlager ist der Altar nicht zuletzt ein theologisches Zeitdokument. Im Jahr, nachdem ihn Conrad Weiß geschaffen hatte, schlug Martin Luther (der Legende nach) seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. Auch St. Laurentius war damals (wegen des daneben liegenden Witwensitzes) eine ganz herausragende Kirche. Hat denn der zurückgekehrte Altar auch eine theologische Bedeutung? Da gab Lautenschlager eine differenzierte Antwort. Maria sei auch für evangelische Christen nach wie vor unverzichtbar: „Ohne sie gäbe es ja Jesus nicht.“ Evangelisch mit Bildern umzugehen, bedeute darüber hinaus, sie „mit innerer Freiheit zu würdigen“. Auch für Protestanten sei die Frau, die mit diesem Altar verehrt wird, ein Vorbild im Glauben: „Ihr unendliches Vertrauen in Gott ist die Grundlage des Glaubens überhaupt.“ Allerdings werde man den Altar, der gestern an die rechte Seitenwand des Chor montiert wurde, nicht gottesdienstlich nutzen. Sondern als „Bilderbuch des Glaubens“. Im Grunde knüpft man dadurch ja ans Mittelalter an, als Bilder wie diese den Menschen, die nicht lesen konnten (und das war die übergroße Mehrzahl), die Heilsgeschichte erzählten.

 Die Stadtkirchengemeinde hat den Altar übrigens im Rahmen des Gemeindefestes am Sonntag willkommen heißen. Um 10.15 Uhr begann der Gottesdienst mit Abendmahl, an dem auch die KU3-Kinder (die erste Phase des Konfirmandenunterrichts nach einem neuen Modell) mitwirken. Danach wurde rund um die Stadtkirche fröhlich miteinander gefeiert. Und den Abschluss des Festes bildete um 15 Uhr eine Andacht vor dem Altar, bei der auch auf die vielfältige Symbolik eines Werkes eingegangen wurde, auf dem es gerade heute noch unendlich viel zu entdecken gibt.    

 

Von allen fünf Bildmotiven des Nürtinger Altars gibt es Karten, die Sie erwerben können.